September 15, 2026 6 min lesen.
Rheinland-Pfalz
Das Bundesland zählt zu den führenden Pharma- und Biotechnologiestandorten Deutschlands. Doch genau in der Branche, die als Schlüssel für künftiges Wachstum gilt, mehren sich die Warnsignale. Biontech, Lilly und Boehringer Ingelheim stoppen Investitionen oder verlagern Produktionen. Die WIRTSCHAFT hat mit den Unternehmen und dem rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium über die Hintergründe gesprochen
Als Biontech während der Coronapandemie weltweit in den Fokus rückte, wurde Mainz zum Synonym für medizinische Forschung und Rheinland-Pfalz schlagartig als internationaler Biotechnologiestandort wahrgenommen. Doch aktuell prägen nicht mehr nur Erfolgsmeldungen die Branche. Reduzierte Investitionen, verschobene Ausbaupläne und Sparprogramme großer Pharmaunternehmen haben Diskussionen ausgelöst: Wie wettbewerbsfähig ist Rheinland-Pfalz im internationalen Vergleich noch?
Dabei herrscht ausnahmsweise Einigkeit zwischen Unternehmen und Politik: das Bundesland selbst stehe nicht in der Kritik. Alle Gesprächspartner bescheinigen dem Land hervorragende Voraussetzungen für Forschung, Entwicklung und Produktion. Die eigentliche Sorge richtet sich vielmehr gegen die aktuellen wirtschafts- und gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen auf Bundesebene, die aus Sicht der Unternehmen Investitionen erschweren und internationale Wettbewerbsnachteile schaffen.
"Allein in Mainz haben wir in den vergangenen Jahren mehr als 370 Millionen Euro in moderne Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsinfrastrukturinvestiert."
Biontech SE in Mainz
Biontech SE in Mainz benennt allerdings interne Gründe für die jüngsten Entscheidungen. Das Unternehmen befinde sich inmitten eines Wandels, teilt die Unternehmenskommunikation mit: „Unser Ziel ist es, bis 2030 zu einem globalen Biopharmaunternehmen mit mehreren zugelassenen Produkten zu werden, und innovative Medikamente zu möglichst vielen Patientinnen und Patienten zu bringen. Entsprechend haben wir in den vergangenen Jahren internationale Kapazitäten und Partnerschaften aufgebaut, um regionale Bedarfe adressieren und unsere globale Entwicklung und angestrebte Vermarktung innovativer Krebsmedikamente unterstützen zu können, sofern eine Zulassung erfolgt.“
Gleichzeitig macht Biontech deutlich, dass der Heimatstandort Mainz auch künftig das Herz des Unternehmens bleiben soll: „Allein in Mainz haben wir in den vergangenen Jahren mehr als 370 Millionen Euro in moderne Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsinfrastruktur investiert. Darüber hinaus arbeitet der Großteil unserer weltweit rund 7800 Mitarbeitenden (Stand: 31. Dezember 2025) in Deutschland.“ Für Biontech zähle Deutschland zu den wichtigsten Standorten für klinische Forschung und gehöre zu den fünf Ländern, in denen das Unternehmen die meisten Patientinnen und Patienten für klinische Studien rekrutiert. Dies seien wichtige Voraussetzungen für Innovationen in der Pharma- und Biotechnologiebranche.
Deutlich kritischer fällt dagegen der Blick der anderen Unternehmen auf die politischen Rahmenbedingungen aus. Die Lilly Deutschland GmbH in Bad Homburg sorgt derzeit mit der Entscheidung für Aufsehen, die ursprünglich geplanten Investitionen am neuen Produktionsstandort Alzey deutlich zu reduzieren. Dabei habe nicht der Standort selbst diese Entscheidung ausgelöst, sondern die aus Sicht des Unternehmens fehlende Verlässlichkeit der Bundespolitik, sagt Katja Preugschat, Corporate Affairs bei Lilly. „Die Pharmabranche ist in der Vergangenheit mit immer neuen Regelungen kräftig zur Kasse gebeten worden. 2025 hat sie mit 29 Milliarden Euro dazu beigetragen, das Defizit der gesetzlichen Kassen zu stopfen. Dennoch waren wir zuversichtlich, denn der Koalitionsvertrag hatte der Pharmaindustrie die Rolle einer Schlüsselindustrie zugewiesen, die den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken soll. Stattdessen kam der Entwurf zum GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, der weitere Belastungen in Milliardenhöhe ankündigte. Das war dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“.
„...wir als Landesregierung wollen den Biotechnologiestandort Rheinland-Pfalz weiterhin zukunftsstark entwickeln. Dabei setzten wir eigene Akzente mit unserer Innovations- und Technologieförderung, schauen aber auch sehr genau hin, welche Rahmenbedingungen in Berlin und Brüssel gesetzt werden."
Wirtschaftsminister Michael Ebling
Das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz greife direkt in das Kerngeschäft der Arzneimittelindustrie ein und untergrabe Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit bei Investitionen. Da der deutsche Markt Referenzpreise für viele andere Länder setze, wirkten die massiven zusätzlichen finanziellen Belastungen weit über Deutschland hinaus und treffe das Geschäftsmodell von Lilly auch international. „Unsere Investitionsentscheidung für den Standort in Alzey wurde im Vertrauen darauf getroffen, dass Deutschland ein stabiler und international fairer Standort ist, der Innovation wertschätzt“, so Katja Preugschat. „Dieses Vertrauen wurde zerstört und Deutschland hat sich damit ins Abseits manövriert.“ Das werde zu Lasten von Neueinführungen von innovativen Medikamenten gehen.
Dabei spart Lilly nicht mit Lob für Rheinland-Pfalz. „Das Land ist für uns ein immer gesprächsbereiter Partner, der uns bei unseren Anliegen gern unterstützt. Hinzu kommt ein gewachsenes Biotechnologie-Cluster mit einem dichten Pool an Fachkräften – entstanden durch jahrzehntealte Ansiedlungen renommierter Pharmaunternehmen in der Region, in dem wir uns gut aufgehoben und verstanden fühlen.“ Ausschlaggebend für die Entscheidung zugunsten Alzeys seien die hervorragende Infrastruktur, die schnelle Erschließung des Grundstücks, das große Angebot qualifizierter Fachkräfte und die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Stadt und Land gewesen.
Die geplanten Gebäude würden deshalb wie vorgesehen fertiggestellt, verspricht das Unternehmen. „Die Reduktion bezieht sich auf den Ausbau der Fertigungsbereiche sowie die Produktionskapazitäten. Was das im Detail bedeutet, und welche Auswirkungen das auf die geplanten Stellen haben wird, daran arbeiten wir noch.“ Der Standort Alzey werde weiterhin ein hochmoderner und leistungsfähiger Teil des globalen Lilly-Netzwerks werden, und die dort produzierten Medikamente die Patienten weltweit erreichen.
"Gesundheitspolitik ist immer auch Standortpolitik. Zusätzliche Eingriffe in Preis-und Erstattungsmechanismen beeinflussen unmittelbar Investitions-, Forschungs-und Produktionsentscheidungen."
Petra Scharmann, Corporate Affairs bei Boehringer Ingelheim
Als weiteres Unternehmen kündigte Boehringer Ingelheim an, einen Teil der bis 2030 vorgesehenen Investitionen in Höhe von rund 900 Millionen Euro zunächst nicht umzusetzen. Die Begründung ähnelt der von Lilly stark: Während die USA und China gezielt attraktive Bedingungen für Forschung und Produktion schafften, nehme die Unsicherheit am Standort Deutschland weiter zu. Gerade langfristige Investitionen benötigten jedoch Planungssicherheit. „Gesundheitspolitik ist immer auch Standortpolitik“, betont Petra Scharmann, Corporate Affairs bei Boehringer. „Zusätzliche Eingriffe in Preis- und Erstattungsmechanismen beeinflussen unmittelbar Investitions-, Forschungs- und Produktionsentscheidungen. Internationale Unternehmen investieren dort, wo Innovation langfristig planbar ist."
"Unsere Investitionsentscheidung für den Standort in Alzey wurde im Vertrauen darauf getroffen, dass Deutschland ein stabiler und international fairer Standort ist, der Innovation wertschätzt."
Katja Preugschat, Pressestelle Lilly Deutschland GmbH in Bad Homburg
Gleichzeitig macht auch Boehringer Ingelheim deutlich, dass die Kritik ausdrücklich nicht Rheinland-Pfalz gilt. Der Standort verfüge weiterhin über exzellente Forschungskompetenz, hochqualifizierte Mitarbeitende und starke industrielle Strukturen. Sollte Deutschland jedoch dauerhaft an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, drohten langfristig geringere Investitionen, weniger Forschungskapazitäten und sinkende Wertschöpfung. Gefordert werden deshalb verlässliche politische Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungsverfahren, weniger Bürokratie und eine Gesundheitspolitik, die Innovationen fördert, statt zusätzliche Unsicherheit zu schaffen. „Gesundheits- und Wirtschaftspolitik müssen stärker gemeinsam gedacht werden“, so Petra Scharmann.

„Die Pharmabranche wird durch die GKV-Reform stärker belastet als zuvor. Zudem stellen die Marktentwicklungen in den USA und China die Pharmabranche in Deutschland vor weitere Herausforderungen“, bestätigt Nicola Diehl, Pressesprecherin des Ministeriums für Wirtschaft, Tourismus, Energie und Klima in Mainz. Gleichzeitig verweist das Ministerium auf die besonderen Stärken des Landes. Mit Einrichtungen wie der Universitätsmedizin Mainz mit der Forschungseinrichtung Tron, dem Life Science Zentrum Mainz und dem entstehenden Biotechcampus verfüge Rheinland-Pfalz über eine Forschungsinfrastruktur, die bundesweit Maßstäbe setze. Hinzu komme ein eng verzahntes Netzwerk aus etablierten Pharmaunternehmen, innovativen Mittelständlern, Start-ups und wissenschaftlichen Einrichtungen. „Genau diese Mischung hat Rheinland-Pfalz in den vergangenen Jahren zu einem bedeutenden Biotechnologiestandort in Europa gemacht“, so Nicola Diehl.
Dass das Bundesland sich selbstbewusst darstellen kann, bestätigt Wirtschaftsminister Michael Ebling gegenüber der WIRTSCHAFT: „Die Biotechnologie hat den Pharma- und Innovationsstandort Rheinland-Pfalz weltweit bekannt gemacht. An diese Erfolge wollen wir als Landesregierung anknüpfen und den Biotechnologiestandort weiterhin zukunftsstark entwickeln. Dabei setzten wir eigene Akzente mit unserer Innovations- und Technologieförderung, schauen aber auch sehr genau hin, welche Rahmenbedingungen in Berlin und Brüssel gesetzt werden. Hier bringen wir uns als Land entsprechend ein. Die Debatte um den Herstellerabschlag und die Forderung einer Standortklausel zur Entlastung von in Deutschland forschenden Unternehmen sind wichtige Beispiele dafür."

So bleibt festzuhalten, dass sich rheinland-pfälzische Wirtschaft und Politik einig sind: Nicht das Bundesland steht zur Disposition, sondern die Frage, unter welchen Bedingungen Deutschland künftig im internationalen Wettbewerb bestehen will. Die Bundespolitik entscheidet, ob Unternehmen wieder Vertrauen in wirtschaftlich tragfähige Investitionen haben können. Das ist auch die Bedingung dafür, dass Rheinland-Pfalz weiterhin erfolgreicher Pharma- und Biotechnologiestandort ist.
Rheinland-Pfalz ist Standort bedeutender Unternehmen der Pharmaindustrie und ein wichtiger Arbeitgeber. In den vergangenen Jahren hat die Pharmaindustrie erheblich zur positiven Entwicklung von Rheinland-Pfalz als Industrie- und Innovationsstandort beigetragen. So erwirtschaftete sie im Jahr 2022 Erlöse in Höhe von 8,3 Milliarden Euro; das sind 6,8 Prozent der gesamten Industrieumsätze. Dabei wurden 70 Prozent der Erlöse, die die rheinland-pfälzische Pharmaindustrie in den Jahren 2014 bis 2022 erwirtschaftete, im Ausland erzielt; in der Industrie waren es insgesamt nur 54 Prozent.
Mit ihren hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung leistet die Pharmaindustrie einen wichtigen Beitrag für Innovationen in Rheinland-Pfalz. Im Bereich Pharmazie wies das Bundesland im Jahr 2020 die höchste Anzahl an Patentanmeldungen je eine Million Einwohner im Bundesländervergleich auf (16,6 Anmeldungen pro Million Einwohner). In Deutschland insgesamt wurden pro Million Einwohner dagegen durchschnittlich 6,6 Patente angemeldet. Quelle: https://standort-gesundheitswirtschaft.rlp.de
Zum Unternehmen
Name: Biontech SE
Gegründet:1990
Vorstand: Prof. Ugur Sahin, Annemarie Hanekamp, Kylie Jimenez, Sierk Poetting, Prof. Özlem Türeci, Ramón Zapata, James Ryan
Standort: Hauptsitz Mainz, weitere globale Standorte
Kernkompetenz: Erforschung, Entwicklung und Herstellung von Immuntherapien zur Behandlung von Krebs und anderen schweren Erkrankungen sowie Impfstoffe gegen Infektionserkrankungen.
Mitarbeitende: 7800 (Stand Ende 2025)
Weitere Informationen: www.biontech.com
Zum Unternehmen
Name: Lilly Deutschland GmbH, Tochterunternehmen von Eli Lilly and Company
Gegründet: 1876, seit 1960 in Deutschland tätig
Geschäftsführung: Dr. Alexander Horn
Standorte:Alzey und Bad Homburg, Hauptsitz Indianapolis, Indiana, USA, Produktionsstandorte in zehn Ländern
Kernkompetenz:Life Science, Forschung und Entwicklung von Medikamenten
Mitarbeitende: 1273 (in Deutschland), rund 51 000 weltweit
Weitere Informationen: www.lilly.com/de
Zum Unternehmen
Name: Boehringer Ingelheim
Gegründet:1885 von Albert Boehringer
Geschäftsführung:Médard Schoenmaeckers, Vorsitzender der Geschäftsführung der Boehringer Ingelheim Deutschland GmbH
Standort: Ingelheim am Rhein, weitere Standorte in Deutschland und weltweit
Kernkompetenz: Forschung und Entwicklung im Bereich Human Pharma und Tiermedizin
Mitarbeitende: 19 000 in Deutschland, 54 300 weltweit
Weitere Informationen: www.boehringer-ingelheim.com/de
Chefredakteurin
Gudrun Katharina Heurich ist seit 2020 als freie Autorin für die WIRTSCHAFT tätig und übernahm 2023 die Chefredaktion. Die gelernte Redakteurin verantwortet die publizistischen und organisatorischen Redaktionsabläufe und verfasst diverse Artikel zu Wirtschaftsthemen.
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