Chefsache: Lars Hennemann zu Besuch bei Zschimmer & Schwarz

April 28, 2023 6 min lesen.

Der Vorstand von Zschimmer und Schwarz: (von links) Dietmar Clausen, Dr. Christoph Riemer, Dr. Felix Grimm.

Potenzial ist in der kleinsten Nische

Ohne Zschimmer und Schwarz in Lahnstein wären viele Supermarktregale leer.

Von RZ-Chefredakteur Lars Hennemann

Ein Konzern, der weltweit agiert und doch regional fest verwurzelt ist – wie bekommt man das hin? Mit Teamwork und dem genauen Wissen darüber, wer man sein will. Das wird in Lahnstein bei Zschimmer und Schwarz ziemlich schnell ersichtlich. Woran kann man das festmachen? Am – bei aller gebotenen Professionalität, die einfach da sein muss – sehr kollegialen, herzlichen Ton nicht nur in der Vorstandsetage. An der spürbaren Begeisterung für das eigene Können und das eigene Tun. Und am Umstand, dass es für die „Chefsache“ die Chefs nur als Trio gibt, die sich an einem regnerischen Tag am Stammsitz des Unternehmens zum Gespräch mit dem Autor treffen.

„Wir sind sehr zufrieden mit unserer Zusammenarbeit. Jedes erfolgreiche Unternehmen hat das Management, das es für die aktuelle Zeit braucht“, sagt Chief Financial Officer (CFO) Dietmar Clausen. „Und: Viel mehr Familie als bei uns geht nicht“, ergänzt Chief Executive Officer (CEO) Christoph Riemer. Damit greift auch er nochmals das Miteinander und die Unternehmenskultur auf, streift aber gleichzeitig implizit eine Diskussion, der sich das Unternehmen zumindest in der Heimat ab und an stellen muss: Darf man sich nach dem Rückzug der Familie aus der Führung des operativen Geschäfts überhaupt noch Familienunternehmen nennen? Eindeutige Antwort: ja. Wem Kultur und Atmosphäre als Beleg dafür nicht genügen, für den hat Riemer noch die passende Einordnung aus der Welt der Zahlen parat: „Unsere Investoren sind alle Mitglieder der Gründerfamilien.“

Zschimmer und Schwarz, 1894 in Chemnitz gegründet, ist eines jener Unternehmen, das man zwar eigentlich – sowohl im übertragenen als auch im durchaus wörtlichen Sinn – immer nahe bei sich hat, aber das man trotzdem nicht oder kaum kennt. Es hat den Firmenstammsitz in Lahnstein und ist mit neun Geschäftsbereichen global industrieübergreifend breit aufgestellt. So werden unter anderem chemische Hilfsmittel für die Kosmetik-, Reinigungs-, Leder-, Keramik-, Textil- und Chemiefaserindustrie entwickelt, produziert und vertrieben. Circa 80 Prozent gehen in den Export. Was in der aktuellen schwierigen Situation hilft. „Europa leidet und ist auch schlecht darin, sich gegen Importwettbewerb durchzusetzen“, bilanziert Clausen.

Hunderte Fässer warten zum Versand auf dem Gelände von Zschimmer und Schwarz.

Besonders gefragt ist in diesen Phasen auch eine Technikbasis, die nicht nur auf der Höhe der Zeit ist, sondern darüber hinaus einer steten Fortentwicklung der Produkte weiterhin Rechnung trägt. Chief Operating Officer (COO) Felix Grimm muss da vieles gleichzeitig im Blick behalten: die laufende Modernisierung der Anlagen, das Thema verfügbare Flächen und vor allem natürlich die durch die Decke geschossenen Energiepreise. „Wir erzeugen Wärme für die Produktionsprozesse vor allem mit Gas“, so Grimm. Aber Technik heißt weit mehr als Krisenmanagement. Das wird bei einem Rundgang durch die verzweigten Gebäude in der Nähe des Lahnsteiner Rheinufers ebenfalls sichtbar.

Ortswechsel also. Vom Konferenzraum in der Vorstandsetage geht es – wegen des Regens nach einer kurzen Autofahrt – über verschlungene Gänge in einen Raum, in dem ein großer Drucker steht. Der bedruckt allerdings kein Papier, sondern, nachdem eine kundige Mitarbeiterin alles eingerichtet hat, zum Beispiel große Fliesen und andere Materialien. Digitaldruckfarben aus dem Portfolio von Zschimmer und Schwarz sorgen für vielfältige Farbkombinationen oder feinste Muster, die unter anderem UV- und witterungsbeständig sind. Bereits nach kurzer Vorführung wird das Potenzial des Gezeigten ersichtlich und eine der tragenden Ideen des Unternehmens nachvollziehbar: Man sucht und findet eine Lösung zunächst im Detail – die man auch erst einmal nur dort finden kann – und dann macht man sie skalierbar. „So kommen wir dann zu Absatz. Forschung und Entwicklung gehen voran, dahinter kommen dann stabile, für fast jede Losgröße beherrschbare Prozesse.“ Die internationalen Aktivitäten tun ein Übriges für die nötige Nähe zum Kunden. Zschimmer und Schwarz ist in 28 Ländern aktiv.

Eine bedruckte Fliese zeigt die Schärfe des Bildes.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, wollte man aufzählen, wo Zschimmer und Schwarz überall „drin ist“ mit der Kompetenz und dem Willen, für möglichst viele Fragen eine Antwort in Form von Grundstoffen zu finden. Vielleicht hilft dieses Bild, das Christoph Riemer zeichnet: „Stellen Sie sich einen ganz normalen Drogeriemarkt oder Supermarkt vor. Die Regale wären ziemlich leer, stünden unseren Kunden für ihre Produkte nicht zuvor unsere Produkte zur Verfügung.“ Auch die Autoindustrie ist ein Großabnehmer.

Riemer, Clausen und Grimm stammen alle familiär ursprünglich nicht vom Mittelrhein, haben die Region aber mittlerweile kennen- und sehr schätzen gelernt. Die typische mittelständische Struktur vieler Unternehmen sorgt nicht nur für ein innovatives, selten wirklich ruhendes Innovationsklima, in dem auch Zschimmer und Schwarz gut gedeihen konnte und weiterhin gedeiht. In ihr wohnen und entwickeln sich auch die Talente, die benötigt werden, um eine so diversifiziert aufgestellte Firma mit neuen Ideen auf Erfolgskurs halten zu können. Ein „Riesenpotenzial“ für die Zukunft sieht Riemer etwa im Thema Nachhaltigkeit: „Nehmen Sie etwa die Chemie für die Lederbearbeitung. Sie ist im Kern sehr alt. Aber unsere Kunden wollen und müssen ihren ökologischen Fußabdruck verringern. Und da kommen wir mit unseren Lösungen und Produkten ins Spiel.“

Die riesigen Silos für die Herstellung der Chemie.

Ein anderes Thema sind Ausgangsstoffe für Kosmetikprodukte, mit denen der Konzern gerade in den vergangenen Jahren vor allem auch in den USA gewachsen ist. „Jetzt kommen Lateinamerika und Asien in den Fokus“, sagt Dietmar Clausen. COO Grimm ergänzt: „Wir sind da durchaus hochpreisig unterwegs, aber die Akzeptanz gibt uns recht. Sehr viele Bio- und Naturstoffmarken zählen zu unseren Kunden.“

Wie behält man aber inmitten aller Ideen und teilweise erst noch zu erschließenden Potenziale den Überblick, ohne sich zu verzetteln? Da kommt noch einmal das Thema Teamgeist ins Spiel: „Wir gehen ganz offen miteinander um. Das ist schon großartig. Wir treffen uns geplant jeden Montag, und dann wird diskutiert und priorisiert“, betont Clausen.

Die Produktion in Lahnstein.

Alles eitel Sonnenschein in Lahnstein also? Ja und nein. Ja, wenn es um das geht, was man selbst beeinflussen und steuern kann. Nein oder nur bedingt, wenn es um die Rahmenbedingungen geht, die auch ein solide aufgestelltes, fast 130 Jahre altes Unternehmen nicht aus sich selbst heraus prägen kann. „Wir würden uns schon von der Politik mehr Unterstützung in Form von Rahmenbedingungen wünschen, mit denen die Chemie in Europa wettbewerbsfähig bleiben kann“, sagt Riemer. Wenn die Branche, so der CEO weiter, eine Zukunft haben solle, müsste sie proaktiv arbeiten können und nicht nur reaktiv, von Krise zu Krise und unter Bedingungen einer weltweit in Europa am dynamischsten vorangetriebenen Regulatorik. „Wir sind wirklich nicht generell gegen Regulierung, aber ein wenig mehr Pragmatismus zum Beispiel durch Anreize anstatt Verboten und effiziente Zulassungsverfahren täte der Wettbewerbsfähigkeit unserer ganzen Industrie schon gut.“

Dietmar Clausen bringt ein Beispiel: „Die Zulassung eines neuen Stoffes etwa im Bereich Schmierstoffe kann zwei bis vier Jahre dauern. Das bedeutet ja nicht nur, dass die internationale Konkurrenz zwischenzeitlich möglicherweise an uns vorbeizieht.“ Solch ein langlaufender regulatorischer Prozess kostet auch Geld. „Und dieses Geld kann man beileibe nicht immer auf die Kundschaft umlegen. Das Bewusstsein dafür ist vor allem in Brüssel nicht überall vorhanden.“

Was bleibt zu tun, bis sich das bessert? Besser zu sein als andere. Nicht zu kopieren, was andere schon können. Eigene Ideen zu haben. „Nicht nur für das nächste Quartal“, sagt Christoph Riemer. Damit ist eigentlich alles gesagt. Und der Gast ist am Ende des Gespräches sicher, dass diesen Leitsatz ebenso gut Dietmar Clausen oder Felix Grimm hätten aussprechen können.

Der Firmensitz des Chemieunternehmens Zschimmer & Schwarz in Lahnstein.
Foto: Zschimmer und Schwarz 

 

Zum Unternehmen
Zschimmer und Schwarz ist ein globaler Anbieter chemischer Hilfsmittel und Spezialitäten mit Hauptsitz in Lahnstein bei Koblenz. Die Unternehmensgruppe vereint weltweit 28 Unternehmen in 16 Ländern auf fünf Kontinenten. 20 davon verfügen über eigene Produktionsstätten. Der Umsatz lag im Jahr 2022 bei mehr als 800 Millionen Euro. Das Unternehmen beschäftigt weltweit mehr als 1500 Menschen, davon circa 500 am Stammsitz in Lahnstein.
Weitere Information: www.zschimmer-schwarz.com

Zur Person
Dr. Christoph Riemer wurde 1969 in Hamburg geboren. Nach seiner Promotion zum Doktor in organischer Chemie war er für die Unternehmen Süd-Chemie AG (1998–2005, Deutschland und Großbritannien), McKinsey und Company, Inc. (2006– 2008, Deutschland), Süd-Chemie AG/Clariant AG (2008–2012, Deutschland und Südafrika) und Wacker Chemie AG (2012–2022, Deutschland) tätig. Seit August 2022 arbeitet er bei Zschimmer und Schwarz. Seit Januar 2023 ist er als Chief Executive Officer tätig. Er ist der Jüngste in der Geschäftsführung.

Der Diplom-Kaufmann Dietmar Clausen wurde 1961 in Flensburg geboren. Nach beruflichen Stationen bei den Unternehmen Deloitte (1982–1992), Linde AG (1992–2005) und Kion GmbH (2005–2007) ist er seit 2007 bei Zschimmer und Schwarz tätig. Der Elder Statesman innerhalb der Geschäftsführung hat die Funktion des Chief Financial Officer.

Dr. Felix Grimm wurde 1968 in Offenbach geboren. Nach seiner Promotion zum Doktor in organischer Chemie war er für die Clariant AG in Deutschland (1998–2007), Frankreich (2007–2011) und der Schweiz (2011–2021) tätig. Seit November 2022 ist Dr. Felix Grimm Chief Operating Officer bei Zschimmer und Schwarz.

 

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