Leben & Arbeiten | Immer mehr Insolvenzen: Was braucht das Gesundheitssystem?

Dezember 15, 2023 4 min lesen.

Blick auf den Marienhof Koblenz. Links und rechts säumen Bäume den Eingang.

Das Katholische Klinikum Koblenz - Montabaur ist ein modern ausgestattetes, freigemeinnütziges Verbundkrankenhaus der Schwerpunktversorgung und Akademisches Lehrkrankenhaus der Universitätsmedizin Mainz. An den drei Betriebsstätten Marienhof Koblenz, Brüderhaus Koblenz und Brüderkrankenhaus Montabaur führen 20 medizinische Fachabteilungen insgesamt 657 Planbetten und 25 tagesklinische Plätze. Ambulante Facharztpraxen und Therapiezentren an allen Betriebsstätten runden das medizinische Angebot ab. Die Abbildung zeigt die Betriebsstätte Marienhof.

Foto: Katholisches Klinikum Koblenz Montabaur

Interview Der Druck ist groß im Gesundheitswesen − das zeigen die Entwicklungen in Bund und Land. Auf dem Weg zur angekündigten Krankenhausreform der Bundesregierung häufen sich Insolvenzen von Krankenhausträgern. Was sind die Gründe und was brauchen die Kliniken jetzt? Jérôme Korn-Fourcade, Regionalleiter der BBT-Gruppe Koblenz-Saffig, zu der das Katholische Klinikum Koblenz -Montabaur (KKM) und die Fachklinik für Psychiatrie in Saffig gehören, antwortete auf die Fragen der WIRTSCHAFT:

Von Gudrun Heurich

Herr Korn-Fourcade, die von Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach versprochene große Krankenhausreform soll vieles besser machen. Wie passt das zu den in jüngster Vergangenheit gehäuft auftretenden Insolvenzanträgen von Krankenhäusern?

Die Krankenhausinsolvenzen sind nahezu alle auf eine nicht mehr gegebene Zahlungsfähigkeit der Einrichtungen zurückzuführen. Eine bilanzielle Überschuldung liegt wohl in den meisten Fällen nicht vor. Das zeigt sehr eindrücklich, dass wir es vor allem mit zwei großen und sehr akuten Problemen zu tun haben. Zum einen haben sich auch für die Kliniken die Preise für Energie, Waren und Dienstleistungen inflationsbedingt deutlich erhöht. Zum anderen führt die zwar gut gemeinte Refinanzierung der Kosten in der Pflege über die Pflegebudgets zu einer Vorfinanzierung der Liquidität durch die Krankenhäuser − zum Teil über mehrere Jahre.

Konkret heißt das, dass wir unsere Pflegekosten und die zugehörigen Budgets zwar in unseren Bilanzen erlösseitig abgrenzen können, die Auszahlung allerdings zeitverzögert mit Abrechnungsfällen in der Zukunft erfolgt. Da viele Krankenhäuser das Belegungsniveau der Vor-Corona-Jahre noch nicht wieder erreicht haben, wächst die Lücke zwischen den bereits entstandenen Kosten und deren Erstattung stetig weiter. Das ist ein Mechanismus, den kein Krankenhaus schuldhaft verursacht hat, sondern der systemisch bedingt ist. Dies bedarf meines Erachtens dringend einer Korrektur.

Jérôme Korn-Fourcade ist Regionalleiter der BBTGruppe Koblenz-Saffig.
Jérôme Korn-Fourcade ist Regionalleiter der BBTGruppe Koblenz-Saffig. Zu der Gruppe gehören das Katholische Klinikum Koblenz - Montabaur (KKM) und die Fachklinik für Psychiatrie in Saffig. Er äußert sich in einem Interview mit der WIRTSCHAFT zu den Gründen der steigenden Klinikinsolvenzen.

Wie lautet Ihre Prognose für 2024 vor dem Hintergrund der bereits feststehenden tariflichen Entwicklungen der Personalkosten?

Zunächst ist es mir wichtig zum Ausdruck zu bringen, dass die verhandelten Tarifsteigerungen für die Kolleginnen und Kollegen unserer Dienstgemeinschaft ein wichtiges Zeichen sind. Auch sie sind im Privaten von der allgemeinen Kostenentwicklung und von steigenden Sozialversicherungsbeiträgen betroffen. Neben dem Aspekt der Wertschätzung für ihren wichtigen Dienst ist das hoffentlich ein Puzzlestück, um schwierigen Zeiten mit weniger Sorgen begegnen zu können.

In Bezug auf die Refinanzierung der tariflich bedingten Kostensteigerungen stehen wir nicht nur in den Krankenhäusern, sondern im Gesundheits- und Sozialwesen insgesamt für das Jahr 2024 vor einer gewaltigen Herausforderung. Die Personalkosten, die in etwa zwei Drittel unserer Gesamtkosten ausmachen, steigen im zweistelligen Prozentbereich, die Preise für medizinische und therapeutische Dienstleistungen als Basis unserer Erlöse im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Dass Krankenhäuser durch Tariftreue in existenzielle Not gedrängt werden, hat schon eine besondere Qualität und auch einen sehr bitteren Beigeschmack.

Welche konkreten Forderungen haben Sie an die Politik?

Die gesetzlichen Regelungen zur Anpassung unserer Preise an das Niveau der gestiegenen Kosten sind ein zentraler Aspekt. Konkret geht es um die faire Refinanzierung der Tarif- und Sachkostensteigerungen. Die Datengrundlage zur Kalkulation der Fallpauschalen ist systembedingt für jeden neuen Abrechnungskatalog zwei Jahre alt. Das bildet unsere aktuellen Aufwände nicht ab.

Darüber hinaus würden die Wiedereinführung der Berücksichtigung von Mengenentwicklungen bei der Kalkulation der Landesbasisfallwerte sowie eine Verlängerung des Ende 2023 auslaufenden verkürzten Zahlungsziels für unsere Rechnungen an die Krankenkassen vielen Kliniken enorm helfen.

Zu guter Letzt muss meiner Meinung nach ein Weg gefunden werden, die beschriebene Problematik bei der Auszahlung der Pflegebudgets zu lösen, beziehungsweise diese mit zeitlich deutlich geringerem Versatz an die Krankenhäuser zu überweisen. Wichtig ist auch zu erwähnen, dass es bei diesen Vorschlägen nicht um staatliche Subventionen nach dem Gießkannenprinzip geht. Vielmehr ließen sich alle beschrieben Punkte im Zuge eines Vorschaltgesetzes am und im bestehenden System abbilden, bis die dringend erforderliche Krankenhausreform greift.

Pflegedirektor des Katholischen Klinikums Koblenz - Montabaur, Thomas Geltenpoth
Der Pflegedirektor des Katholischen Klinikums Koblenz - Montabaur, Thomas Geltenpoth, freut sich über die Auszeichnung mit dem Siegel „Deutschlands ausgezeichneter Arbeitgeber Pflege“. Das Wochenmagazin Stern hat dem Klinikum den Titel aufgrund einer umfangreichen Studie verliehen.

KKM ausgezeichnet als Arbeitgeber in der Pflege

Das Katholische Klinikum Koblenz -Montabaur ist als „Deutschlands ausgezeichnete Arbeitgeber Pflege“ mit dem Siegel des Wochenmagazins Stern ausgezeichnet worden. Grundlage hierfür war eine umfangreiche Studie aller Krankenhäuser in Deutschland. Als eine von nur zehn großen Kliniken deutschlandweit wurde das Katholische Klinikum in allen fünf Bewertungskategorien mit „sehr gut“ beurteilt und gehört zum besten Viertel. „Diese Auszeichnung ist ein Beleg für das, was wir in unserem Klinikalltag leben und erleben: Unsere Pflegekräfte leisten Herausragendes“, sagt KKM-Pflegedirektor Thomas Geltenpoth. „Unsere Aufgabe als Klinikum ist es, in Zeiten von Fachkräftemangel und Arbeitsverdichtung die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen und ein ansprechendes Arbeitsumfeld zu bieten. Dass externe Experten nun unseren Einsatz bestätigen, erfüllt uns mit Stolz.“

Zum Unternehmen

Name: Katholisches Klinikum Koblenz - Montabaur gGmbH (KKM)

Gegründet: 2001 haben sich die beiden Koblenzer Krankenhäuser Marienhof und Brüderhaus St. Josef zum Katholischen Klinikum Koblenz zusammengeschlossen. Dies wurde 2011 durch die Zusammenführung mit dem Brüderkrankenhaus Montabaur zum „Katholischen Klinikum Koblenz -Montabaur“ erweitert.

Geschäftsführer: Dr. Frank Zils, Andreas Latz, Werner Hemmes

Gesellschafter: Barmherzige Brüder Trier gGmbH und die Krankenpflegegenossenschaft der Schwestern vom Hl. Geist GmbH

Vorsitzender des Aufsichtsrates: Bruder Alfons Maria Michels

Sitz: Koblenz und Montabaur

Kernkompetenz: Verbundkrankenhaus der Schwerpunktversorgung, akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Mainz, 657 Planbetten und 25 tagesklinische Plätze, jährlich rund 34 000 Patienten stationär und rund 155 000 Patienten ambulant, 20 Fachabteilungen.

Mitarbeitende: Mehr als 2500

Weitere Informationen: www.kk-km.de

 Fotos: Katholisches Klinikum Koblenz Montabaur

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Blick auf den Marienhof Koblenz. Links und rechts säumen Bäume den Eingang.

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