April 24, 2026 6 min lesen.
Naturkapital
Klimaschutz und Nachhaltigkeit scheinen angesichts der multiplen weltweiten Krisen in den Hintergrund gerückt zu sein. Doch das Thermometer steigt – und damit der Handlungsdruck. Denn immer deutlicher wird: die Kosten eines ungebremsten Klimawandels sind um ein Vielfaches höher, als jetzt nachhaltig zu wirtschaften.
Unternehmen sollen und müssen Geld verdienen. Dennoch hat die Wirtschaft erkannt: ökologisch zu handeln ist eine Chance – und gleichzeitig ein Wettbewerbsvorteil. Denn es fordert (und fördert) Innovation und gibt dem eigenen Unternehmen als auch dem Markt wichtige Impulse. Der Klimawandel ist der Treiber, um als Unternehmen ressourcen- und umweltschonend zu denken und zu handeln. Dies ist aber auch aus anderen Gründen sinnvoll und notwendig, um die Wirtschaft autonomer von Abhängigkeiten zu machen – Stichwort: seltene Erden. Um die Gesundheit der Menschen zu schützen – Stichwort: Plastikmüll. Es geht darum, sich durch intelligente Lösungen Gestaltungsspielräume zu eröffnen, die Effizienz zu steigern, Kosten zu sparen – und dadurch gutes Geld zu verdienen.
Dass ökologisches Denken ökonomischen Erfolg nicht ausschließt, zeigen die vielfältigen Optionen, die heute schon möglich sind und morgen noch ausgefeilter und effizienter werden: Kreislaufwirtschaft, Biotechnologie, Recycling und Einsparungen sind erprobte Verfahren und Technologien, die durch den Einsatz von KI auf einen neuen Level gehoben werden könnten. Vor allem aber müssen die Dinge konsequenter zusammen gedacht werden.
Ein großes Thema ist der Müll in den Weltmeeren. 350 Millionen Tonnen Plastikmüll werden jährlich aktuell produziert. Nicht nur Fische und Meeresvögel verenden qualvoll an ihm, er schädigt auch Menschen. Was können und müssen Unternehmen tun, um den Verbrauch zu senken oder Materialien zu substituieren? Sind wirtschaftliche Technologien dafür verfügbar und können sich neue Geschäftsmodelle eröffnen?
Eine Option ist der Ersatz durch Biokunststoffe. Komplett aus biobasierten Materialien (Milchsäure) hergestellte Kunststoffe sind aufgrund der Kosten derzeit noch nicht konkurrenzfähig und auch verarbeitungstechnisch müssen noch Lösungen gefunden werden. In diesem Bereich konnte die Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie (IWKS) in Alzenau einen Erfolg verkünden. Dr. Stefan Hanstein erklärt: „Wir haben eine Serie biobasierter und biologisch abbaubarer Polymere aus Apfeltrester entwickelt. Damit lassen sich synthetische Substanzen in Druckfarben und anderen Beschichtungsanwendungen ersetzen: auf Verpackungen wie Folien, Kosmetikbehältern aus Naturwachsen, Karton, auf pflanzlichen Fasern für Verbundwerkstoffe und Textilien bis hin zu Düngergranulaten, die vor raschem Nährstoffverlust geschützt werden (Langzeitdünger). Die Polymere auf Basis natürlicher Zucker können Haftung und Festigkeit verbessern.“
Doch nicht für alle Anwendungen lässt sich Kunststoff ersetzen, der aktuell noch zu 99 Prozent aus fossilen Rohstoffen hergestellt wird; das sind etwa sechs Prozent des globalen Erdölverbrauchs. In einer Pilotanlage des Fraunhofer-Zentrums für chemisch-biotechnologische Prozesse (CBP) in Leuna werden bislang aus Erdöl hergestellte Plattform- oder Grundchemikalien auf Basis von Bioorganismen nachhaltig erzeugt − und das über die gesamte Lieferkette. In der Holzabteilung wird aus geschreddertem Holz Zucker als Nahrung für die Bioorganismen hergestellt. Diese wiederum produzieren die gewünschten Plattformchemikalien wie Isobuten, die in der chemischen Abteilung Kundenwünschen angepasst werden. Zusätzlich arbeitet Fraunhofer an nachhaltigen Kunststoffen. Additive sollen dafür sorgen, den Kunststoff zu zersetzen, sobald er mit Umwelteinflüssen wie Meerwasser in Kontakt kommt.
Recyceln ist eine weitere probate Methode, um ökologischer zu wirtschaften. Deutschland erzeugt pro Jahr rund 5,9 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle. Davon werden knapp 38 Prozent werkstofflich verwertet, der Rest energetisch. Rund 30 Prozent der produzierten Kunststoffe werden für Verpackung genutzt, 80 bis 90 Prozent aller Lebensmittel sind verpackt. Recyclingansätze für die dafür häufig verwendeten Mehrschichtlaminatfolien setzen auf Lösungsmittelgemische, die jeweils für die verschiedenen Kunststoffgemische maßgeschneidert werden; anschließend werden Fremdstoffe und Additive herausgefiltert. Ziel ist, dass das recycelte Material die gleiche Funktion wie das Ursprungsmaterial übernehmen kann.
Das Mainzer Unternehmen Werner und Mertz, bekannt für die „Frosch“-Produkte, setzt seit langem konsequent auf die Verbindung von Ökonomie und Ökologie. Geschäftsführer Reinhard Schneider betont: „Wir setzen uns für die hochwertige Wiederverwertung von Altplastik aus dem gelben Sack ein. Je mehr Plastik im Kreislauf gehalten wird, desto weniger muss klimaschädlich neu produziert werden und weniger Plastikmüll fällt an.“ 2012 hat das Unternehmen die „Recyclat-Initiative“ ins Leben gerufen, mit dem Ziel, Plastikmüll aus dem gelben Sack als Wertstoff erneut hochwertig aufzubereiten und wiederzuverwenden. „Zusammen mit unseren Kooperationspartnern entlang der gesamten Wertschöpfungskette haben wir es geschafft, mittels mechanischem Recycling energieschonend aus Altplastik (sogenanntes Post Consumer Recyclat) wieder hochwertige Verpackungen herzustellen“, erklärt Schneider.
Im Juni 2025 erzielte das Unternehmen zwei Meilensteine: Eine Milliarde rPET-Flaschen aus 100 Prozent Post-Consumer-Recyclat wurden in den Handel gebracht – das bedeutete einen neuen Weltrekord. Zudem konnte die Umstellung auf die Erhöhung des gelben-Sack-Anteils in den PET Flaschen von 75 auf 100 Prozent gestartet werden. Eine weitere Bestätigung der Initiative für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft, für die das Unternehmen 2025 mit dem Umweltmanagement-Preis vom deutschen Bundesumweltministerium (BMUKN) und dem österreichischen Klimaschutzministerium (BMLUK) in der Kategorie „Beste Maßnahmen zur Verbesserung der Umweltleistung“ ausgezeichnet wurde.
Das neue Verpackungsrecht-Durchführungsgesetz, das die Bundesregierung im Februar 2026 beschlossen hat, ist allerdings für Schneider ein Schritt in die falsche Richtung: „Statt hochwertigem Recycling fördert es − wenn überhaupt − Downcycling. Das ist aber eine Sackgasse. Dieser Beschluss bedeutet für die gesamte Recyclingbranche in Deutschland sehenden Auges die Fortsetzung des Investitionsstaus.“ Die Entscheidung sei umso bedauerlicher, als der Einsatz Künstlicher Intelligenz im Rahmen der Kunststoffwertschöpfungskette mittelfristig zur Steigerung von Effizienz, Qualität und Kreislauffähigkeit beitragen werde. Allerdings unter der Voraussetzung, dass interoperable Datenräume, klare Standards und tragfähige Geschäftsmodelle gegeben sind. Bereits heute kommen KI-Verfahren in Bildverarbeitung, Prozessregelung und Sortiertechnologien zum Einsatz. Bis 2030 könnte ihr Beitrag entlang der gesamten Wertschöpfungskette deutlich wachsen – von Materialentwicklung und Design über Produktion bis zum Recycling.
Dies bestätigt auch die Prognose im Positionspapier „Künstliche Intelligenz in der Kunststoff-Wertschöpfungskette bis 2030“ (3/26) des Fraunhofer-Exzellenzclusters Circular Plastics Economy (CCPE): Der Einsatz werde in klar abgegrenzten technologischen Anwendungen erfolgen. Aktuell fehle es an interoperablen Datenstrukturen. Wirtschaftlichkeit, Haftung und Regulierung entschieden über die Skalierung vom Pilotprojekt in den industriellen Dauerbetrieb. KI ergänze klassische Lösungsansätze im Recycling (Design for Circularity) und den Ausbau von (Recycling-)Infrastruktur – ersetze sie aber nicht. KI sei ein leistungsfähiges Instrument im Kontext eines umfassenderen Transformationsprozesses.
Die Vielfalt der Ansätze zeigt: Nachhaltiges Wirtschaften ist kein Widerspruch zu Rentabilität. Ob biobasierte Materialien, neue Recyclingverfahren, KI-gestützte Wertschöpfung oder Kreislaufstrategien – Unternehmen, die ökologische Innovationen integrieren, gewinnen an Wettbewerbsfähigkeit. Wichtig ist eine enge Verzahnung von Forschung, Politik und Industrie, damit ökonomische Effizienz und ökologische Verantwortung Hand in Hand gehen. Denn der Klimawandel ist da – und nur ein resilienter, zirkulärer Wirtschaftsansatz kann den Herausforderungen begegnen.
Infokasten 1
Zum Unternehmen
Name: Werner und Mertz GmbH
Gegründet: 1867 als Wachswarenfabrik Gebrüder Werner
Geschäftsführer: Reinhard Schneider
Standort: Mainz
Kernkompetenz: Familienunternehmen in fünfter Generation. Hersteller von Reinigungsprodukten, Pflege- und Waschmittel der Marken Frosch und Green Care Professional
Mitarbeitende: 1200
Weitere Informationen: https://werner-mertz.de
Infokasten 2
Ökologische Ökonomie
Die ökologische Ökonomie befasst sich mit der Fragestellung, wie menschliches Handeln innerhalb der Grenzen und Bedingungen von ökologischen Systemen gestaltet werden kann. Dabei wird eine ganzheitliche Perspektive eingenommen, um Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Natur zu verstehen und nachhaltige Lösungswege zu entwickeln.
Dass Klimafreundlichkeit nicht gleich Verzicht bedeutet, beweisen Fraunhofer-Wissenschaftler in zahlreichen Projekten. Sie stellen zum Beispiel Chemikalien auf Basis von Bioorganismen her und verringern damit den Verbrauch fossiler Rohstoffe in der Kunststoffherstellung. Lasertechnik hilft, die wertvollen Rohstoffe aus dem Handy zu bergen. Und beim Schienenverkehr als der größte Stromverbraucher in Deutschland lassen sich durch wissenschaftliche Methoden Energie und Kosten einsparen.
Quellen: Universität Oldenburg, Fraunhofer Gesellschaft
Infokasten 3
Kunststoffe und Mee(h)r
Zwischen 1950 und 2015 wurden weltweit 8,3 Milliarden Tonnen Plastik hergestellt. Nur neun Prozent davon wurden jemals recycelt. Rund 40 Prozent aller Kunststoffe werden nur kurz verwendet und landen innerhalb eines Monats im Müll.
Plastik ist ein lukratives Geschäft: Laut Recherchen für den Film „Plastic Planet“ macht die Kunststoffindustrie 800 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr. Mittlerweile sind es rund 370 Millionen Tonnen pro Jahr an Kunststoffen, die weltweit produziert werden (Stand: 2019). Allein ein Drittel entfällt dabei auf Verpackungen, also Wegwerfprodukte.
In Deutschland belief sich die Kunststoffproduktion 2019 auf 20 Millionen Tonnen. Etwa 6,3 Millionen Tonnen fielen an Kunststoffabfällen an. Pro Kopf waren das 76 Kilogramm. Davon entfielen 38 Kilogramm auf Verpackungen.
Quelle: Landeszentrale für politische Bildung BW
Vom Plastikmüll in den Ozeanen bleibt nur der kleinste Teil an der Oberfläche. Die weit größere Menge verteilt sich so, dass der Müll nicht mehr zu sehen ist.
Grafik: Plastikatlas der Heinrich Böll Stiftung
Foto:
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M/stock.adobe.com
Infokasten 3
Infokasten 4
Diebstahl an unseren Enkeln – Partha Dasgupta über Naturkapital
Der weltweit angesehene und vielfach preisgekrönte indisch-britische Ökonom Sir Partha Dasgupta, emeritierter Professor an der University of Cambridge, gilt als einer der wichtigsten Vordenker einer neuen ökonomischen Sicht auf die Umwelt. In seinem neuen Buch „Der Wert der Natur - Manifest für eine Ökonomie, die unsere Welt nicht zerstört“ fordert er eine radikale Neuausrichtung der Volkswirtschaft: weg vom Fokus auf das Bruttoinlandsprodukt, hin zu einer Bilanzierung des Naturkapitals.
ISBN: 978-3-8275-0202-5
Verlag: Siedler
Infokasten 5
Service − Weblinks
Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS: www.fraunhofer.de/iwks
Planetary Health Check (Bericht 2025): https://planetaryhealthcheck.org
Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ): https://voeoe.de
International Society for Ecological Economics (ISEE): www.ecoeco.org
Nachhaltigkeit Rheinland-Pfalz: https://nachhaltig-wirtschaften.rlp.de
Ecoliance Rheinland-Pfalz e.V. (Netzwerk für Umwelttechnik): https://ecoliance-rlp.de/
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