Februar 27, 2026 5 min lesen.
Außenhandel
Zwischen Aufbruch und Stillstand liegen beim EU-Mercosur-Abkommen nur wenige Tage. Nach der feierlichen Unterzeichnung am 17. Januar in Paraguays Hauptstadt Asunción verweigerte das Europäische Parlament kurz darauf die Ratifizierung und kündigte eine rechtliche Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof an. Wie sich der Prozess entwickelt, ist offen – Südamerika bleibt ein Markt mit außergewöhnlichem Potenzial.
Das Mercosur-Abkommen ist ein geplantes Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Die Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur wurde 1991 gegründet. Seitdem ist das Freihandelsabkommen geplant, aber die Beteiligten konnten sich erst im Dezember 2024 auf die wesentlichen Punkte einigen. Mit 31 Ländern und etwa 720 Millionen Menschen beschreibt das Abkommen eine der größten Freihandelszonen der Welt. Nicht nur angesichts der (Zoll-)Differenzen mit den USA ist es so wichtig – es ist auch ein deutliches politisches Signal, dass die EU auf regelbasiertes Handeln und Multilateralismus setzt, der beiden Seiten Vorteile bringt und sie stärkt. Experten halten es für wahrscheinlich, dass das Abkommen vorläufig in Kraft tritt – ein durchaus normaler Vorgang.
Im Herbst 2025 wurde das Abkommen den EU-Partnern zur Zustimmung vorgelegt und noch vor Jahresende 2025 sollte es unterzeichnet werden. Doch erst im Januar war die erforderliche Mehrheit der Länder zur Zustimmung erreicht. Frankreich und vier andere Länder stimmten allerdings dagegen, weil die jeweilige heimische Landwirtschaft Nachteile durch den Abschluss befürchtet. Europäische Landwirte stehen dem Abkommen kritisch gegenüber. Sie fürchten die Konkurrenz aus den Mercosur-Staaten und sehen die europäische Landwirtschaft existenziell bedroht. Befürworter des Abkommens verweisen hingegen auf große Chancen für den Maschinenbau, die Auto- und die Pharmaindustrie.
Mit dem Abschluss entfallen – theoretisch – die Zölle auf 91 Prozent der gehandelten Waren. Nach Schätzungen der EU-Kommission könnten die jährlichen EU-Exporte um bis zu 39 Prozent auf 49 Milliarden Euro steigen und damit mehr als 440.000 Arbeitsplätze in der Auto- und Pharmaindustrie und dem Maschinenbau in Europa sichern oder stützen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht von einem Meilenstein, der die Position der EU als „größten Handelsblock der Welt zementieren“ werde. Der brasilianische Präsident Lula da Silva unterstrich, dass das Abkommen gemeinsame Werte wie Demokratie und Menschenrechte fördere und die Rolle des Staates als strategischem Impulsgeber für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung bewahre.
Dass von dem Abkommen die deutsche Wirtschaft nur profitieren könne, ist auch die Einschätzung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz. Sie sieht Chancen insbesondere in verbesserten und erleichterten Marktzugängen, stabileren Handelsbeziehungen und einer stärkeren außenwirtschaftlichen Position Europas. „Das EU-Mercosur-Abkommen baut bestehende Handelshemmnisse ab und stärkt die internationale Wettbewerbsfähigkeit der regionalen Wirtschaft“, so Arne Rössel, Hauptgeschäftsführer der IHK Koblenz. „Risiken liegen indes in politischen Verzögerungen.“ Aus seiner Sicht ist daher eine zügige Zustimmung des Europäischen Parlaments entscheidend, um rasch in die Umsetzung einsteigen zu können. Für die IHK hat Südamerika, namentlich der Mercosur-Raum, eine potenziell hohe strategische Bedeutung als wichtiger alternativer Absatz- und Beschaffungsmarkt für viele exportorientierte Unternehmen aus Rheinland-Pfalz.
Gerade aber der exportierende Mittelstand hat nach Einschätzung vieler Experten Südamerika noch gar nicht in den Blick genommen; er richtete sich häufig nach den USA und China, allenfalls noch Indien. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen aus Rheinland-Pfalz eröffne das Abkommen jedoch enorme Perspektiven: Der Abbau hoher Zölle und bürokratischer Hürden erleichtert Exporte, senkt Kosten und schafft Planungssicherheit. Zudem bietet der Mercosur-Raum Potenziale zur Diversifizierung von Lieferketten sowie beim Zugang zu wichtigen Rohstoffen – Themen, die für den industriellen Mittelstand im Land von großer Bedeutung sind.
Im Mai findet eine vom Wirtschaftsministerium organisierte Wirtschaftsreise nach Argentinien statt. Ziel ist es, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen vor Ort besser kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und zu vertiefen und Unternehmen aus Rheinland-Pfalz frühzeitig bei der Erschließung neuer Märkte zu unterstützen. Deutschlands viertwichtigster Handelspartner in Lateinamerika bietet insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau, in der Energie- und Umwelttechnik, Agrartechnik oder Bergbauausrüstung konkrete Marktchancen für rheinland-pfälzische Unternehmen.
Aber wie bewerten Unternehmen im Bundesland das Abkommen? Das mittelständische Sondermaschinenbauunternehmen Wipotec mit Sitz in Kaiserslautern zählt zu den weltweit führenden Anbietern von dynamischer Wäge- und Inspektionstechnik sowie Track and Trace Lösungen für Kunden in unterschiedlichen Industrien. Das Unternehmen ist Mitglied im Außenwirtschaftsausschuss der IHK Pfalz; es nennt die Unterzeichnung einen entscheidenden Schritt in die richtige Richtung und einen strategischen Vorteil für den deutschen Maschinenbau.
Volker Ditscher, Director Global Sales Track and Trace bei Wipotec, verspricht sich vom Wegfall der Importzölle in Höhe von aktuell 14 bis 20 Prozent eine deutliche Entlastung bei der Kalkulation – und damit eine erhebliche Stärkung der Marktposition: „Das könnte gerade unseren hochwertigen Maschinenbauprodukten spürbare Preisvorteile gegenüber den USA oder asiatischen Wettbewerbern verschaffen.“ Auch der Abbau administrativer Hürden könne an die südamerikanischen Kunden weitergegeben werden. Allerdings gelte es, strategisch klug vorzugehen: Durch Gewinnung lokaler Partner, den Auf- beziehungsweise Ausbau von Servicepräsenz, wirkungsvoller Compliance Sicherheit und einer adäquaten Preisgestaltung.
Ein weiterer Aspekt sei die Standortsicherung: „Wir stehen mit unseren hochspezialisierten Produkten in besonderer Weise für außergewöhnliche Fertigungsqualität ‚Made in Germany‘. Deshalb planen wir – im Unterschied zu Wettbewerbern – keinen Aufbau lokaler Produktionsstätten, denn unsere hohen Standards sind schwer auf eine lokale Produktion übertragbar. Wir sind sicher, dass durch das Abkommen nun noch mehr Kunden von den Vorteilen der Entwicklungskapazitäten und extrem hohen Fertigungstiefe am Standort in Kaiserslautern profitieren.“
Lösungen und Produkte von Wipotec werden in Südamerika in den wachsenden Branchen der Lebensmittel- und Getränkeproduktion, in Pharma und Chemie, aber auch in der Agrarverarbeitung eingesetzt. „Wir streben mittelfristig in der Region einen deutlich zweistelligen Prozentsatz am Gesamtumsatz an“, so Ditscher, in einzelnen Geschäftsbereichen werde er bereits erreicht: „Der Mercosur Verhandlungsabschluss ist eine klare Chance: Weniger Zölle, ein riesiger Markt mit wachsendem Bedarf an Qualitäts- und Kennzeichnungstechnik und politische Unterstützung sprechen für eine aktive Markterschließung.“
Nicht alle Unternehmen werden allerdings durch das Abkommen gewinnen. So fürchtet beispielsweise die Südzucker AG in Mannheim, Europas größter Zuckerproduzent, durch Zucker-importe weiter unter Druck zu geraten, zumal europäischer Zucker auf dem Weltmarkt kaum Chancen hat. Das Zuckerwirtschaftsjahr 25/26 sei von einer besonders guten Ernte bei zugleich geringerem Verbrauch in der EU geprägt gewesen. Die zu erwartenden Importe aus den Mercosur-Staaten – Brasilien und Paraguay – fielen quantitativ zwar nicht ins Gewicht; Südzucker schätzt jedoch, dass der Preisdruck weiter steigen könnte.
Grundsätzlich jedoch sind die Perspektiven für die deutsche und europäische Wirtschaft aussichtsreich und versprechen, die in das Abkommen gesetzten hohen Erwartungen zu erfüllen. Der Abschluss ist zur rechten Zeit gekommen – das Abstimmungsverhalten des Europäischen Paraments war allerdings ein böses Foul. Bleibt abzuwarten, ob die EU-Kommission dennoch das Abkommen beherzt vorläufig in Kraft setzt.
Die Freihandelszone ist mit 715 Millionen Einwohnern eine der größten Wirtschaftspartnerschaften der Welt. 2024 betrug das Handelsvolumen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten Argentinien, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Uruguay knapp 112 Milliarden Euro.
Die Exporte nach Südamerika betrugen 55,2 Milliarden Euro; importiert wurden Waren für 56 Milliarden Euro. Der Mercosur ist im Warenhandel zehntgrößter Handelspartner der EU. Brasilien hat daran mit mehr als 80 Prozent den größten Anteil. Die EU ist 2024 mit 17 Prozent des Gesamthandels der zweitgrößte Handelspartner des Mercosur (nach China).
Zu den wichtigsten von der EU exportierten Warengruppen zählen Maschinen und Geräte, chemische und pharmazeutische Erzeugnisse und Transportmittel wie Autos. Eingeführt werden vor allem landwirtschaftliche und mineralische Erzeugnisse, Zellstoff und Papier.
Begonnen haben die Verhandlungen zur Jahrtausendwende; unterzeichnet wurde das Abkommen am 17. Januar 2026. Das zweigeteilte Zustimmungsverfahren kam am 21. Januar ins Stocken, als das Europäische Parlament den Vertrag zur Überprüfung der Rechtssicherheit an den Europäischen Gerichtshof (EuGH) verwies. Zuvor hatte der politische Teil des Abkommens die erforderliche Zustimmung von mindestens 15 der 27 EU-Mitgliedstaaten, die mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren, gefunden.
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