Die Zukunft beginnt im Rückbau

April 24, 2026 5 min lesen.

Die Zukunft beginnt im Rückbau

Die Wahl Firmengruppe denkt Bauprozesse neu  – denn Kreislaufwirtschaft ist mehr  als ein Trend.

Die Bauindustrie ist bis heute linear gedacht: bauen, nutzen, abbrechen, entsorgen. Ein System, das lange funktioniert hat – aber zunehmend an seine Grenzen stößt. An diesem Punkt setzt die Wahl Firmengruppe aus Remagen an. Nicht als theoretisches Modell, sondern im operativen Alltag – auf Baustellen, in Aufbereitungsanlagen und entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Beim Austausch mit Evangelos Botinos, Geschäftsführer der rz-Media GmbH, wird deutlich, worum es den geschäftsführenden Gesellschaftern Florian und Tobias Wahl geht: Bauprozesse neu zu denken. 

Evangelos Botinos: Ihre Entwicklung vom Kiesabbau 1945 hin zum heutigen Full-Service-Partner im Bau und Recycling markiert eine weitreichende Transformation. Was ist in all diesen Jahren die „feste Säule“ der Wahl Gruppe geblieben und an welcher Stelle mussten Sie umdenken?

Tobias Wahl: Was früher das Ende eines Gebäudes war, ist heute der Ausgangspunkt eines neuen Prozesses. Gebäude werden nicht einfach abgerissen, sondern gezielt zurückgebaut. Materialien werden getrennt, aufbereitet und wieder eingesetzt. Früher war das Entsorgung. Heute ist es ein Rohstoffprozess. Dieser Perspektivwechsel verändert die Logik der Branche – und stellt neue Anforderungen an Planung, Technik und Organisation. Die Wahl Firmengruppe hat dafür über Jahrzehnte ein System aufgebaut, in dem Rückbau, Aufbereitung, Logistik und Tiefbau ineinandergreifen. Neun operative Gesellschaften und rund 350 Mitarbeiter arbeiten daran, diese Prozesse zunehmend zu verzahnen. Mit ihrem Wachstumskurs bewegt sich die Unternehmensgruppe dabei perspektivisch in Richtung 400 Mitarbeitende.

Evangelos Botinos:Vom Rückbau über die Logistik bis zur fertigen Immobilie bilden Sie fast alle Stufen eines Projekts im eigenen Haus ab. Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser enormen Wertschöpfungstiefe und wie bewährt sich dieses Modell im aktuellen Markt?

Tobias Wahl:Die Unternehmensgruppe ist heute breiter aufgestellt als je zuvor – und gleichzeitig mitten in einer Transformation. Kreislaufwirtschaft weiterentwickeln, Prozesse enger verzahnen, Materialströme konsequent im System halten −  die Richtung ist klar. Wir sind noch lange nicht am Ende, aber wir sind überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es geht um eine einfache Frage: Wie gehen wir mit Ressourcen um? Wir glauben, dass wir darauf eine gute Antwort haben. Für uns beginnt die entscheidende Phase dort, wo andere fertig sind. Weil genau da festgelegt wird, was mit Materialien passiert.

Evangelos Botinos: Fachlich sind Ihre Rollen getrennt, im Alltag hängen Technik und die kaufmännische Steuerung jedoch zusammen. Wie lösen Sie das Spannungsfeld zwischen technischer Begeisterung und kaufmännischer Ratio?

Florian Wahl: Viele Unternehmen denken in einzelnen Gewerken. Die Wahl Firmengruppe verfolgt einen anderen Ansatz: Projekte werden als zusammenhängender Prozess verstanden – von der ersten Maßnahme bis zum Wiedereinsatz der Materialien. Wir schauen uns nicht nur an, was wir bauen. Sondern auch, was wir zurückbauen – und was daraus wieder entstehen kann.
Unser Ansatz verbindet modernste Technik mit einer klaren Vision: Abbruch, Verwertung und Tiefbau in einem geschlossenen Kreislauf. Dadurch reduzieren wir CO₂-Emissionen, minimieren Abfälle und führen wertvolle Materialien zurück in den Bauprozess – wirtschaftlich und nachhaltig zugleich. Kurze Wege, klare Zuständigkeiten und ein hoher Anteil eigener Leistungen schaffen Stabilität in einem zunehmend komplexen Markt. Unser Anspruch lautet: Regeneratives Bauen beginnt mit uns.

Evangelos Botinos: Ihr Ziel ist es, mineralische Baustoffe nahezu vollständig im Kreislauf zu halten. Wo liegen aus Ihrer Sicht aktuell die größten systemischen oder regulatorischen Hürden, die verhindern, dass Recyclingbaustoffe zum Standard im Bauwesen werden?

Florian Wahl: Technisch ist vieles längst möglich. Die Herausforderung liegt häufig im System selbst. Wir könnten heute schon deutlich mehr im Kreislauf führen. Aber das System belohnt es noch nicht konsequent. Gerade im Ausschreibungswesen wird Nachhaltigkeit zwar gefordert, aber in der Praxis noch zu selten entscheidend berücksichtigt. Am Ende zählt oft der günstigste Preis. Und dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn sich nachhaltige Lösungen langsamer durchsetzen.

Evangelos Botinos: Mit der Gründung der Holding haben Sie die Weichen für die Zukunft neu gestellt. Welcher unternehmerische Impuls gab den Ausschlag, die klassische mittelständische Struktur in diese Organisation zu überführen?

Tobias Wahl:Die Wahl Firmengruppe ist in den vergangenen Jahren gewachsen – mit neuen Standorten, zusätzlichen Geschäftsfeldern und einer stärkeren organisatorischen Struktur. Dieses Wachstum ist bewusst gesteuert, denn wir haben uns Schritt für Schritt entwickelt und immer darauf geachtet, dass die Teile zusammenpassen.
Mit der Holding-Struktur wurde diese Entwicklung gebündelt, ohne den Bezug zur Praxis zu verlieren. Entscheidungen werden weiterhin nah am operativen Geschäft getroffen – mit Blick auf Baustellen, Abläufe und Märkte.

Evangelos Botinos:Die kontinuierliche Expansion ist also ein prägendes Merkmal Ihrer Unternehmensstrategie. Welche perspektivischen Weichenstellungen zeichnen sich für die nahe Zukunft ab, um die Präsenz der Gruppe weiter zu festigen?

Florian Wahl:Als Familienunternehmen in dritter Generation verfolgen wir eine klare Haltung: nicht kurzfristig optimieren, sondern langfristig entwickeln. Wir haben den Vorteil, dass wir Dinge über Jahre aufbauen können. Das verändert Entscheidungen. Investitionen, Ausbildung und Mitarbeiterentwicklung folgen dieser Logik. Gleichzeitig wächst damit auch die Verantwortung – für die eigenen Mitarbeiter ebenso wie für Projekte und die Region.

Evangelos Botinos: Wenn Sie die Rahmenbedingungen für den mittelständischen Bau direkt beeinflussen könnten: Welche konkreten Änderungen hätten für Sie die höchste Priorität?
 
Florian Wahl: Die Bauwirtschaft steht vor einem grundlegenden Wandel. Steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit, knappe Ressourcen und wachsender Bedarf treffen auf Strukturen, die sich nur langsam verändern. Die Frage ist nicht, ob sich etwas verändert, sondern wie schnell.
Was wir konkret brauchen, sind verlässlichere Rahmenbedingungen. Dazu gehört aus unserer Sicht vor allem ein Vergabewesen, das nicht nur den günstigsten Preis bewertet, sondern auch Nachhaltigkeit und Lebensdauer stärker berücksichtigt.
Gleichzeitig müssen Genehmigungsverfahren schneller und planbarer werden. Im Moment verlieren wir an vielen Stellen zu viel Zeit, bevor Projekte überhaupt umgesetzt werden können.
 
Evangelos Botinos:Recyclingbeton hat technisch ein enormes Potenzial, kämpft aber teils noch mit Imagefragen. Müssen Sie bei Bauherren und Kommunen eher Überzeugungsarbeit leisten oder ist das Umdenken in der Branche bereits vollangekommen?
 
Tobias Wahl:Recyclingbeton hat technisch enormes Potenzial – das sehen wir jeden Tag in der Praxis. Die Qualität stimmt, die Einsatzmöglichkeiten sind da.
Wir müssen an manchen Stellen noch Überzeugungsarbeit leisten, vor allem, weil das Thema lange unterschätzt wurde. Aber wir merken auch, dass sich etwas bewegt. Viele Bauherren und Kommunen sind deutlich offener geworden, gerade wenn es um Ressourcenschonung geht.
Entscheidend ist jetzt, dass aus diesem Umdenken auch konsequentes Handeln wird.
 
Evangelos Botinos: Der Bund stellt Investitionen in Milliardenhöhe für die Infrastruktur in Aussicht. Wo erleben Sie in der täglichen Praxis die größte Diskrepanz zwischen diesem politischen Aufbruch und der Realität auf der Baustelle?
 
Florian Wahl: Der Bedarf und die Mittel sind da – das ist erstmal positiv. In der Praxis erleben wir aber, dass viele Projekte an langen Verfahren und fehlender Geschwindigkeit scheitern. Zwischen politischem Anspruch und Umsetzung auf der Baustelle liegt oft ein spürbarer Abstand.
Wir versuchen deshalb, aktiv im Austausch zu bleiben – mit Gesprächen in Mainz, Düsseldorf oder auch in Berlin. Gleichzeitig bringen wir mit Formaten wie „Next Mittelstand“ Wirtschaft und Politik gezielt zusammen, um genau solche Themen offen zu diskutieren. Am Ende geht es darum, dass die Mittel auch wirklich dort ankommen, wo sie gebraucht werden – und Projekte schneller und pragmatischer umgesetzt werden können.

Zum Unternehmen

Name: Wahl Firmengruppe
Gegründet: 1945 von Johann Wahl
Inhaber: Gesellschafter Florian und Tobias Wahl
Standort: Remagen, Niederlassung in Köln
Kernkompetenz: Abbruch, Verwertung und Tiefbau in einem geschlossenen Kreislauf.
Mitarbeitende: circa 350
Weitere Informationen: www.wahl-firmengruppe.de


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