Dezember 19, 2025 6 min lesen.
Chefsache: Ralf Hellrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Koblenz, spricht über die Rolle des Handwerks in einer Wirtschaft im Umbruch.
Kaum eine Branche spürt den wirtschaftlichen und technologischen Wandel so unmittelbar wie das Handwerk. Zwischen Fachkräftemangel, Digitalisierung und zunehmender Regulatorik sind Betriebe gezwungen, sich ständig neu aufzustellen. Ralf Hellrich, seit 2018 Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Koblenz, leitet die mitgliederstärkste Kammer in Rheinland-Pfalz. Fast 22.000 Betriebe mit rund 109.000 Beschäftigten vertrauen auf die Expertise und Unterstützung seiner Organisation. Im Gespräch mit rz-Media Geschäftsführer Evangelos Botinos und WIRTSCHAFT-Redakteurin Anika Tilemann erklärt Hellrich, wie das Handwerk die Transformation gestaltet, welche Rolle Ausbildung und Nachfolge dabei spielen – und welche Erwartungen er an die Politik richtet.
E. Botinos: Herr Hellrich, das Handwerk ist Motor für Beschäftigung und Innovation in Rheinland-Pfalz. Gleichzeitig erleben viele Betriebe aktuell tiefgreifende Veränderungen. Wo zeigt sich das am deutlichsten?
R. Hellrich: Der Wandel ist längst Realität. In vielen Werkstätten stehen die Zeichen auf Veränderung – nicht, weil man es sich ausgesucht hätte, sondern weil es sein muss. Die Materialpreise steigen, Energie wird teurer, Fachkräfte fehlen, und die Technik entwickelt sich rasant weiter. Das spürt der Dachdeckerbetrieb, der seine Baustellen digital dokumentiert, ebenso wie die Bäckerei, die steigende Energiekosten in der Kalkulation abfangen muss. Einige Betriebe sind hier schon sehr breit aufgestellt, digitalisieren Abläufe, vernetzen sich stärker, probieren Neues aus. Andere suchen Unterstützung, etwa bei der Finanzierung oder der Prozessoptimierung.
A. Tilemann: Wie unterstützt die Handwerkskammer Koblenz die Betriebe in dieser Phase?
R. Hellrich:Unsere Transformationsbegleiter sind regelmäßig in den Betrieben unterwegs. Sie analysieren Abläufe oder unterstützen bei Fragen der Finanzierung und Betriebsnachfolge. Dabei entstehen oft ganz praktische Ergebnisse: eine neue Software für die Auftragsabwicklung, effizientere Energie- oder Materialnutzung oder ein Konzept für die Übergabe an die nächste Generation.
E. Botinos: Immer häufiger suchen Unternehmen auch nach Möglichkeiten, sich und ihre Mitarbeiter fit für die neuen Anforderungen zu machen. Wie reagiert die Handwerkskammer auf diesen wachsenden Weiterbildungsbedarf?
R. Hellrich: Weiterbildung ist entscheidend, um Betriebe zukunftsfähig zu halten. Viele merken, dass sie ohne neue Kompetenzen kaum Schritt halten können – sei es im Energiemanagement, in der Digitalisierung oder in der Betriebsführung. Am Campus Handwerk bieten wir praxisnahe Kurse, die direkt aus dem Alltag entwickelt werden. Dort treffen Fachleute aus unterschiedlichen Gewerken zusammen, um konkrete Lösungen zu erarbeiten, die sich unmittelbar im Betrieb nutzen lassen.
A.Tilemann:Ein zentrales Thema am Campus Handwerk ist auch die Berufsausbildung. Auszubildende aller Branchen erhalten hier das notwendige Wissen und die Möglichkeit zum praktischen Austausch. Warum ist die Ausbildung im Handwerk gerade heute so wichtig?
R. Hellrich: Die Ausbildung ist das Fundament des Handwerks und der gesamten Wirtschaft. Unser duales Ausbildungssystem verbindet Theorie und Praxis – ein Erfolgsmodell, das weltweit Anerkennung findet und jungen Menschen echte Perspektiven bietet. Wer ausbildet, investiert in die eigene Zukunft, auch wenn sich der Nutzen nicht sofort zeigt.
Viele große Unternehmen gehen heute leider einen anderen Weg und stellen lieber fertige Spezialisten ein, statt selbst auszubilden. Kurzfristig mag das wirtschaftlich sein, langfristig führt es zu Abhängigkeit und Wissensverlust. Das Handwerk hält dagegen: Wir bilden aus, weil wir Verantwortung übernehmen. Menschen eine berufliche Perspektive zu geben, ist Teil unserer Identität.
E. Botinos: Auf dem Campus treffen Auszubildende vieler Nationen aufeinander. Welche Bedeutung hat die Arbeit im Handwerk für Integration und Teilhabe?
R. Hellrich:Eine sehr große. Handwerkliche Betriebe leisten enorm viel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Nur wer gemeinsam arbeitet, kann auch zusammenwachsen. In unserem Kammerbezirk gibt es beispielsweise Meister aus 27 Nationen. Viele von ihnen haben über internationale Programme den Weg zu uns gefunden, etwa aus Jordanien, Albanien oder dem Kosovo. Wir schaffen Strukturen, die dafür sorgen, dass junge Menschen hierbleiben und Teil unserer Gesellschaft werden. Das funktioniert über Teamarbeit, gegenseitigen Respekt und gelebte Kollegialität.
A. Tilemann: Gut ausgebildete Fachkräfte und Meister übernehmen oft selbst Verantwortung und führen Betriebe weiter. Doch viele Unternehmen suchen derzeit einen Nachfolger – häufig vergeblich. Wie groß ist der Druck?
R. Hellrich: Er ist spürbar. In den kommenden Jahren stehen viele Betriebe vor der Übergabe, doch längst nicht jeder findet jemanden, der übernehmen will oder kann. Für viele Inhaber ist das eine große Belastung – nicht nur finanziell, auch persönlich. Wir begleiten diese Betriebe: mit unserer Nachfolgewerkstatt, mit Bewertungen, Finanzierungsgesprächen und der Suche nach passenden Partnern.
Unsere Transformationsbegleiter unterstützen dabei ganz praktisch. Sie prüfen, ob ein Betrieb übergabefähig ist, bereiten Unterlagen vor und bringen Menschen zusammen, die Verantwortung übernehmen wollen. So bleibt die dezentrale Struktur des Handwerks in der Fläche erhalten und mit ihr die Versorgung der Regionen.
E. Botinos: Die dezentrale Struktur der Handwerkskammer Koblenz – mit sieben Außenstellen im nördlichen Rheinland-Pfalz – ist die Grundlage für die Nähe zu den Betrieben. Sie ermöglicht schnelle Unterstützung vor Ort, erfordert aber auch eine klare Organisation und Führung. Wie gelingt Ihnen das?
R. Hellrich: Wir beschäftigen über alle Standorte hinweg rund 330 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Struktur von der Zentrale in Koblenz bis zu den Bildungs- und Beratungszentren in Bad Kreuznach, Rheinbrohl oder Wissen funktioniert, weil die Teams vor Ort eigenständig arbeiten und die Wege kurz sind.
Wir bilden auch selbst aus: Aktuell haben wir sechs Auszubildende, die alle Bereiche des Hauses kennenlernen. Viele bleiben danach bei uns und nutzen die Möglichkeit, sich weiterzubilden oder an der VWA einen Bachelorabschluss zu machen. Das sorgt für eine hohe Bleibequote und eine starke interne Kompetenz.
In der Führung setze ich dabei auf Vertrauen und klare Zuständigkeiten. Jeder Geschäftsbereich hat Koordinatoren, die eng mit der Geschäftsführung zusammenarbeiten. Entscheidungen sollen dort fallen, wo das Wissen vorhanden ist. Das hält uns beweglich und nah an den Betrieben.
A.Tilemann: Die Organisation der Kammer beruht auf Mitbestimmung. Wie genau fließt der Wille der Mitglieder in die Entscheidungen ein?
R. Hellrich: Es ist ein sehr demokratisches Konstrukt. Von den rund 22.000 Mitgliedsbetrieben werden Vertreter gewählt, die die Vollversammlung bilden. Diese bestimmt wiederum Präsidium und Hauptgeschäftsführung. Diese enge Verbindung zwischen Basis und Organisation prägt unsere Arbeit. Sie sorgt dafür, dass die Anliegen der Betriebe tatsächlich Gewicht haben, beispielsweise wenn es um die Ausgestaltung von Weiterbildungsangeboten, die Bewertung von Förderprogrammen oder die Verbesserung der Nachwuchsgewinnung geht.
E. Botinos: Die Anliegen der Betriebe sind dabei sicher so vielfältig wie die Betriebe selbst. Was eint die Handwerksbetriebe in der Region?
Hellrich: Vor allem ihre Innovationskraft. In der Eifel, im Westerwald oder an der Mosel arbeiten Betriebe überall an neuen Lösungen: Ein Dachdecker probiert neue Dämmstoffe aus, ein Metallbauer nutzt digitale Planung und viele Betriebe setzen auf energiesparende Werkstätten oder moderne Maschinenparks. Viele setzen auf digitale Tools oder KI-gestützte Kalkulationssysteme, um Ressourcen effizienter einzusetzen.
Doch um innovativ zu sein, braucht es Tempo. Und genau da stoßen viele an Grenzen. Planungs- und Genehmigungsverfahren dauern zu lange, Förderprogramme sind zu kompliziert und Verwaltungsabläufe sind oft zu langsam. Hier bremst die Politik, wo sie eigentlich beschleunigen müsste.
A.Tilemann: Welche konkreten Erwartungen haben Sie an die Politik, insbesondere mit Blick auf die Landtagswahl 2026?
R. Hellrich:Wichtig wäre, dass Politik und Wirtschaft noch enger zusammenarbeiten. Weniger Bürokratie und mehr Verlässlichkeit würden den Betrieben spürbar helfen. Auch die Gleichstellung von beruflicher und akademischer Bildung bleibt unser zentrales Anliegen – eine Meisterqualifikation verdient die gleiche Wertschätzung wie ein Hochschulabschluss.
Zudem braucht es faire Vergaberegeln, einfache Bauvorschriften und eine Stärkung der dualen Ausbildung in den Schulen. Politik kann viel bewirken, wenn sie Betrieben Freiraum lässt, um ihre Ideen umzusetzen.
E. Botinos: Wenn Sie den Blick über die Landtagswahl hinaus in die Zukunft richten –wohin entwickelt sich das Handwerk?
R. Hellrich: Das Handwerk hat wirtschaftliche, gesellschaftliche und versorgungsrelevante Bedeutung – gerade in einer Zeit, in der vieles im Wandel ist. Es sichert Arbeitsplätze, stärkt die Regionen und sorgt dafür, dass die Infrastruktur funktioniert. Gleichzeitig war das Handwerk immer ein Spiegel seiner Zeit: Es hat sich mit Innovationskraft und Unternehmergeist an neue Bedingungen angepasst – und wird das auch diesmal tun.
Auch in einer digitalen Welt bleibt das Handwerk unverzichtbar. Technik kann unterstützen, aber sie ersetzt weder Erfahrung noch handwerkliches Können. Bei allem Einsatz von KI – die Hand bleibt. Und das ist gut so.
Name: Handwerkskammer Koblenz
Gegründet: 1900 in Koblenz
Sitz: Friedrich-Ebert-Ring 33, 56068 Koblenz
Präsident: Kurt Krautscheid
Hauptgeschäftsführer: Ralf Hellrich
Kernkompetenz: Interessenvertretung des regionalen Handwerks, Beratung und Begleitung der Mitgliedsbetriebe, Förderung von Ausbildung, Weiterbildung und Unternehmensnachfolge
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Rund 330 insgesamt (in der Verwaltungszentrale in Koblenz und an sieben Standorten im nördlichen Rheinland-Pfalz)
Weitere Informationen: www.hwk-koblenz.de
Redakteurin
Anika Tilemann, diplomierte Volkswirtin mit langjähriger Vertriebserfahrung, schreibt als Redakteurin der WIRTSCHAFT über Märkte, lokale Unternehmen und aktuelle wirtschaftspolitische Themen.
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