Hochverfügbarkeit aus dem Westerwald

Februar 27, 2026 6 min lesen.

Hochverfügbarkeit aus dem Westerwald

Chefsache: Die Data Center Group realisiert und begleitet zukunftssichere Rechenzentrumslösungen über den gesamten Lebenszyklus. CEO Ralf Siefen spricht über das Spannungsfeld zwischen globalem Marktwachstum und regionaler Bodenständigkeit.

Rechenzentren sind das unsichtbare Fundament der digitalen Transformation. Was vielen Nutzern als abstrakte „Cloud“ erscheint, ist für Ralf Siefen, Gründer und CEO der Data Center Group (DCG), tägliche Infrastrukturarbeit. Grundlage dafür ist ein weit verzweigtes Netzwerk aus Servern, das einen sicheren, leistungsfähigen und dauerhaft verfügbaren physischen Standort benötigt. Für Siefen zählen solche Anlagen zu den komplexen Projekten, die sein Unternehmen ganzheitlich begleitet – von der Entwicklung und Planung bis hin zum schlüsselfertigen Bau und dem laufenden Betrieb. Im Gespräch mit rz-Media-Geschäftsführer Evangelos Botinos und Wirtschaft-Redakteurin Anika Tilemann erläutert er, warum Qualität bei kritischer Infrastruktur keine Kompromisse duldet und warum das Unternehmen trotz globaler Ambitionen dem Westerwald treu bleibt.

E. Botinos:Die Data Center Group hat im letzten Jahr ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert und beschäftigt heute mehr als 280 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wenn wir auf die Anfänge zurückblicken: Was hat Sie 2005 dazu bewogen, sich selbstständig zu machen?

R. Siefen: Ich war damals als Manager im nationalen und internationalen Data Center Projektgeschäft unterwegs. Dabei habe ich gemerkt, dass komplexe Rechenzentren oft nur in Einzelteilen gedacht wurden – hier die Planung, da die Produkte, dort der Bau. Am Ende fühlte sich niemand für das große Ganze verantwortlich, was oft zu Lasten der Kunden ging. Das wollte ich ändern. Meine Motivation war es, als „Turnkey-Player“ die gesamte Wertschöpfungskette unter ein Dach zu bringen und eine Marke zu schaffen, die für Verlässlichkeit steht. Als die ersten Aufträge fast sofort hereinkamen, wusste ich, dass das Modell trägt. Die Kunden suchten keine Standardprodukte von der Stange, sondern individuell maßgeschneiderte IT-Sicherheitslösungen.

A. Tilemann: Was ist denn heute das Wichtigste bei der Planung, damit ein maßgeschneidertes Rechenzentrum später im Alltag reibungslos funktioniert?

R.Siefen: Betriebssicherheit ist kein Extra, sie ist das Fundament. Wer sie erst zum Projektabschluss „nachschieben“ will, scheitert. Der spätere Betrieb muss ab der ersten Skizze mitgedacht werden – von der Wartbarkeit bis zu den Notfallabläufen. Ein Rechenzentrum gleicht einem Organismus, in dem Nachhaltigkeit, Verfügbarkeit und Sicherheit nahtlos zusammenspielen müssen. Planungsfehler in der Frühphase rächen sich später durch immense Kosten. Hier zählt Präzision ab dem ersten Tag, um die technische, physische und logische IT-Sicherheit gewährleisten zu können.

E. Botinos: Sie begleiten diese Projekte oft über viele Jahre. Wo liegen aus Ihrer Erfahrung die kritischen Punkte, an denen ein Projekt ins Stolpern geraten kann?

R. Siefen:Meistens sind es die Schnittstellen. Wenn viele verschiedene Parteien beteiligt sind, rücken oft Einzelinteressen in den Vordergrund, statt das gemeinsame Ziel zu verfolgen. Die größte Herausforderung ist es, diese unterschiedlichen Disziplinen zu synchronisieren. Wir klären kritische Punkte wie Standort und Energieversorgung deshalb extrem früh, damit der Zeitplan nicht kippt. Mit der Schlüsselübergabe hört unsere Arbeit auch nicht auf – im Gegenteil. Wir begleiten unsere Kunden im Service und Betrieb oft über Jahre und das auf partnerschaftlicher Ebene. So nehmen wir ihnen die Komplexität ab und tragen die Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus.

A. Tilemann: Das klingt nach einer Menge Verantwortung. Wie managen Sie das intern, ohne dass die DCG bei über 280 Mitarbeitern zu schwerfällig wird?

R. Siefen:Ich bin ein großer Freund von flachen Hierarchien und direkter Kommunikation. Ich sage immer: Wir sind lieber ein agiles, schnelles und flexibles Motorboot als ein träger Tanker. Wir können und müssen schnell entscheiden, um am Markt vorne zu bleiben. Führung heißt für mich heute vor allem, Perspektiven zu setzen und die Leute mitzuziehen. Ich bin ehrgeizig und motiviere mein Team, diesen Ehrgeiz auch für die eigenen Projekte zu entwickeln. Wir setzen auf Persönlichkeiten, die aktiv gestalten, Lösungen anbieten und Verantwortung übernehmen – rein administratives Denken bringt uns nicht voran.

E. Botinos: Heute wird Führung oft nur noch als Moderation verstanden. Wie viel aktives Vorangehen verlangt Ihr Alltag eigentlich von Ihnen?

R. Siefen: Für mich geht es darum, präsent zu sein, Begeisterung vorzuleben und den Kurs aktiv mitzugestalten. Dabei ist mir eine offene Kommunikation auf Augenhöhe sehr wichtig. Wir reden miteinander statt übereinander und meine Tür steht tatsächlich immer offen. Wir pflegen eine Kultur, in der Probleme direkt angesprochen werden, um Trägheit und politisches Taktieren gar nicht erst entstehen zu lassen. Wenn es hakt, suchen wir gemeinsam nach Lösungen. Es bringt uns nicht weiter, im Rückspiegel Zeit mit der Schuldfrage zu verlieren, bringt uns nicht weiter – wir müssen nach vorne schauen und anpacken.

A. Tilemann:Solch eine Kultur funktioniert nur mit viel Vertrauen. Sie setzen auffällig stark auf Eigengewächse. Ist das Ihr Rezept gegen den Fachkräftemangel?

R. Siefen: Es ist vor allem ein Rezept für Loyalität. In Projektteams kann ein externer Impuls durchaus bereichernd sein und einen guten Blick von außen bringen. In der Führung ist es jedoch von großem Vorteil, wenn die Leute unsere spezielle DCG-Mentalität in- und auswendig kennen. Nahezu alle Führungspositionen sind bei uns mit Personen besetzt, die hausintern groß geworden sind. Unser CTO Markus Böhmer ist da ein sehr gutes Beispiel: Er ist seit der Gründung dabei und hat sich vom Projektmanager zur tragenden Säule der technischen Leitung unseres Unternehmens entwickelt. Solche Karrieren fördern wir gezielt. Wenn Menschen spüren, dass sie sich hier entwickeln können und dass ihre Meinung zählt, bleiben sie auch in schwierigen Zeiten an Bord. Diese Bodenständigkeit und gegenseitige Verlässlichkeit machen uns aus.

E. Botinos:Sie sprechen von Bodenständigkeit. Warum ist Ihnen der Westerwald als Standort so wichtig geblieben?

R. Siefen: Wallmenroth ist unsere Keimzelle. Ich bin hier im Westerwald verwurzelt, und ich schätze die Mentalität der Menschen hier sehr. Wir haben hier eine Beständigkeit, die man in den Großstädten oft vergeblich so nicht findet. Wir haben Außenbüros in Berlin, München, Köln und Frankfurt aufgebaut, um nah am Markt zu sein und weil uns die Kollegen vor Ort wertvolle neue Impulse geben, aber unsere Basis ist hier im Westerwald.

E. Botinos: Ein greifbarer Beleg für dieses Bekenntnis ist Ihr aktuelles Millioneninvestment in Wallmenroth. Was war der konkrete Auslöser für den Ausbau?

R. Siefen: Das hatte ganz pragmatische Gründe: Kapazität und Zusammenarbeit. Wir sind schlichtweg an unsere Grenzen gestoßen. Die einzelnen Bereiche saßen teilweise über verschiedene Gebäude verteilt, was die Abstimmung unnötig erschwert hat. Mit dem Neubau haben wir nun wieder alle unter ein Dach gebracht. Wenn man als Team funktionieren will, muss man sich sehen und kurze Wege haben. Diese Investition war notwendig, um die Qualität der Zusammenarbeit zu verbessern. Zugleich ist es ein klares Signal in die Zukunft: Wir planen hier langfristig.

A. Tilemann:Trotz dieser Langfristigkeit sind die Rahmenbedingungen in Deutschland aktuell schwierig. Welche Hürden im operativen Geschäft ärgern Sie am meisten?

R. Siefen:Wir stehen uns in Deutschland oft selbst im Weg. Allein die langwierigen Genehmigungsverfahren bremsen uns massiv aus, noch bevor die eigentliche Arbeit beginnt. Besonders das Thema Vergabe ist herausfordernd. Es ist oft nicht nachvollziehbar, warum Marktbegleiter den Zuschlag erhalten, die weder technologisch noch wirtschaftlich ein besseres Angebot abgegeben haben. Da frage ich mich manchmal schon: Was läuft hier eigentlich im öffentlichen Bereich? Oft müssen wir Einspruch einlegen, nur um Transparenz in den Vergabethemen zu erhalten. Das läuft einerseits nicht immer fair ab und verzögert andererseits Projektvorhaben, die wir für unsere digitale Infrastruktur in Deutschland dringend zügiger umsetzen müssen, damit wir nicht den Anschluss verlieren.

E. Botinos: Wenn man dieses Zögern hierzulande mit der Dynamik außerhalb Europas vergleicht: : Verpassen wir in Deutschland gerade den Moment, an dem wir noch mitspielen können?

R. Siefen:Der Kontrast ist gewaltig. Durch unsere Projekte bin ich oft international unterwegs und sehe vor Ort, wie unterschiedlich die Menschen ticken und die Märkte funktionieren. In den USA oder Dubai beispielsweise wird deutlich, wie Technologie den Lebensstandard massiv verbessert, weil dort eine ganz andere Offenheit herrscht. Dort wird Technologie als Werkzeug begriffen. In Europa hingegen neigen wir dazu, uns oft jahrelang über Regulierung Gedanken zu machen, bevor überhaupt der erste Schritt getan wird. Mittlerweile gehört es fest zu meiner Arbeit, bei internationalen Investoren erst einmal wieder aktiv für die Potenziale des deutschen Standorts zu werben. Wir brauchen schlichtweg mehr Mut zur Gestaltung und weniger Angst vor dem Neuen.

A. Tilemann:Wenn es um diesen Mut zur Gestaltung geht, ist die Künstliche Intelligenz ja das Paradebeispiel für diese neue Geschwindigkeit. Droht uns hier gerade das Szenario, dass wir den Anschluss verpassen?

R. Siefen:Die Gefahr ist absolut da. Bei KI schauen alle auf die Software; der eigentliche Flaschenhals ist jedoch die Infrastruktur. Während wir in Europa noch über ethische Leitplanken debattieren, schaffen andere Regionen längst Fakten. KI benötigt enorme physische, technische und energetische Ressourcen. Sprechen wir über Rechenleistung für die Zukunft, reden wir im Kern über Energie und Kühlung. Die zentrale Aufgabe wird es sein, diese hohen Leistungsdichten effizient und nachhaltig abzubilden. Ohne eine verlässliche Infrastruktur nützt uns die beste KI nichts. Wer die Zeitschiene und Energiefrage ignoriert, verliert den Anschluss.

E. Botinos:Wenn die Energieversorgung also zur alles entscheidenden Stellschraube wird: War das für Sie auch der strategische Auslöser, sich mit der MVV Energie AG Expertise an die Seite zu rufen, die genau in diesem Bereich zu Hause ist?

R. Siefen:Der Schritt, die MVV Energie AG vor rund acht Jahren als strategischen Partner an Bord zu holen, war eine der wichtigsten Weichenstellungen. Um Rechenzentren der nächsten Generation zu bauen, brauchen wir Kompetenz auf Augenhöhe bei der Energieversorgung sowie den direkten Zugriff auf die notwendigen Kapazitäten. Wir planen heute nicht mehr nur ein Gebäude für Server, wir planen schlüsselfertige Lösungen mit integrierten Energiekreisläufen. Mit diesem Rückhalt können wir Komplettlösungen anbieten, die technologisch an der Spitze stehen und gleichzeitig ökologisch sinnvoll sind. Am Ende geht es darum, die Infrastruktur für morgen heute schon sicher und nachhaltig zu gestalten – und genau diesen Weg gehen wir als Team weiter.


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