Stabilität in Bewegung

Juni 26, 2026 5 min lesen.

Stabilität in Bewegung

Chefsache: Debeka-Chef Thomas Brahm über Führung aus Erfahrung, Veränderung mit Augenmaß und den Wettbewerb um Fachkräfte 

Vom Auszubildenden zum Vorstandsvorsitzenden: Thomas Brahms Karriereweg ist außergewöhnlich. Seit mehr als vier Jahrzehnten ist er der Debeka verbunden und hat die Entwicklung des Unternehmens aus nahezu jeder Perspektive erlebt. 1982 begann er bei der Debeka eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann. Seit 2018 steht er an der Spitze einer der größten deutschen Versicherungsgruppen mit fast 17.000 Mitarbeitern. Im Interview mit rz media Geschäftsführer Evangelos Botinos und WIRTSCHAFT-Redakteurin Anika Tilemann spricht er über die Besonderheiten eines Unternehmens, das seinen Mitgliedern gehört, über die Herausforderungen durch künstliche Intelligenz und darüber, warum nachhaltiger Erfolg oft weniger mit schnellen Trends als mit klaren Prinzipien zu tun hat. Dabei wird deutlich, wie sich ein traditionsreiches Haus verändern kann, ohne seine Identität zu verlieren.

E. B.:Herr Brahm, Sie sind als Auszubildender zur Debeka gekommen und heute Vorstandsvorsitzender. Was hat die Debeka über all die Jahre zu einem Unternehmen gemacht, dem Sie verbunden geblieben sind? 

T. B.: Was hält einen mehr als vier Jahrzehnte in einem Unternehmen? Kein Vertrag der Welt. Es ist das Gefühl, dass die eigene Arbeit etwas bedeutet und dass das Unternehmen tatsächlich für etwas steht. Die Debeka gehört ihren Mitgliedern. Was man hier als junger Auszubildender lernt und als Vorstandsvorsitzender täglich erlebt, ist im Kern dasselbe: Es geht nicht um Quartalszahlen, sondern darum, dass Menschen im Krankheitsfall, im Alter oder nach einem Schaden wirklich abgesichert sind. Wer das einmal verinnerlicht hat, findet anderswo nur schwer eine vergleichbare Sinnbasis.

A. T.: Diese lange Verbundenheit bedeutet auch, dass Sie die Debeka nicht nur aus der Vorstandsperspektive kennen. Wie wichtig ist dieser Blick aus dem Arbeitsalltag, wenn Sie Veränderungen anstoßen, die später im Vertrieb, in der Beratung oder im Service funktionieren müssen? 

T. B.: Wer nie selbst Termine gemacht, Kundenakten bearbeitet oder Reklamationen aufgenommen hat, läuft Gefahr, Strategien für ein Unternehmen zu entwickeln, das er nicht wirklich kennt. Ich kenne die Debeka von unten nach oben. Das ist im Alltag sehr hilfreich. Neue Prozesse oder digitale Anwendungen müssen sich dort bewähren, wo die Menschen täglich damit arbeiten. Sie dürfen nicht nur auf dem Papier gut aussehen. 

E. B.: Sie haben bereits erwähnt, dass die Debeka ihren Mitgliedern gehört und nicht externen Aktionären. Was verändert das bei unternehmerischen Entscheidungen? 

T. B.: Unsere Mitglieder sind nicht Empfänger einer Dienstleistung am Rand, sondern der eigentliche Auftraggeber. Das verschiebt die Maßstäbe für jede Entscheidung. Wir gehen sehr sorgsam mit dem Geld unserer Mitglieder um. In der Krankenversicherung liegt unsere Verwaltungskostenquote mit 1,3 Prozent deutlich unter dem Branchenschnitt. Ein Großteil der erwirtschafteten Mittel fließt über Leistungen und Ausschüttungen wieder an unsere Mitglieder zurück. Dieses Bewusstsein zieht sich durch das ganze Haus, vom Einkauf bis zum Marketing. 

A. T.: Ihre Wettbewerber treten mit hohem Werbedruck und großen Budgets auf. Wie gelingt es der Debeka, kosteneffizient sichtbar zu bleiben und zugleich jüngere Zielgruppen zu erreichen? 

T. B.:Es gibt einen Unterschied zwischen Zurückhaltung und Substanz. Wir haben nie besonders viel Geld in große Werbeinszenierungen gesteckt, weil es an anderer Stelle wirksamer eingesetzt ist. Gleichzeitig wäre es falsch, Sichtbarkeit grundsätzlich abzulehnen. Wer junge Menschen erreichen will, muss dort präsent sein, wo sie sich informieren. Deshalb setzen wir gezielt auf Social Media und digitale Kanäle. Am Ende entscheidet aber nicht die Lautstärke einer Kampagne, sondern ob das Versprechen im Schadensfall hält. Dass unsere Mitglieder uns zu 98 Prozent weiterempfehlen, zeigt, wie wichtig dieses Vertrauen ist. 

E. B.: Sie sagen: Entscheidend ist, ob das Versprechen im Schadensfall hält. Vergleichsportale lenken den Blick dagegen oft zuerst auf den Preis. Wie wichtig sind deshalb Service, digitale Einfachheit und persönliche Beratung im Wettbewerb? 

T. B.: Service ist ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Die Erwartungen sind heute sehr unterschiedlich. Viele Menschen möchten einfache Anliegen schnell und digital erledigen. Bei einer Rechnung am späten Abend reicht das völlig aus. Bei komplexeren Fragen oder im Schadensfall ist das persönliche Gespräch aber oft entscheidend. Dann wollen die Menschen mit jemandem sprechen, dem sie vertrauen. Deshalb bleibt unser Außendienst mit mehr als 8.000 fest angestellten Beratern ein zentraler Teil des Modells. Digitale Services sollen die Beratung nicht ersetzen, sondern dort entlasten, wo es sinnvoll ist. So bleibt mehr Zeit für das, was sich nicht automatisieren lässt: zuhören, einordnen und beraten. 

A. T.: Für persönliche Beratung, digitale Services und komplexe Versicherungsprodukte braucht es sehr unterschiedliche Fachleute. Die Debeka wird als „Haus der 100 Berufe“ beschrieben. Was steckt hinter diesem Bild? 

T. B.: Viele Menschen sind überrascht, wie vielfältig die Berufe in unserem Unternehmen sind. Natürlich denkt man zuerst an Beratung, Sachbearbeitung und Leistungsprüfung. Aber bei uns arbeiten auch Mathematiker, mehr als 1.000 IT-Spezialisten, Kapitalmarktexperten, Ärzte und Apotheker. Dazu kommen Juristen, Historiker, Mitarbeiter in der Kommunikation und technische Berufe. Ohne IT, Mathematik, medizinisches Wissen und Kapitalmarktexpertise funktioniert ein Haus unserer Größe nicht. Der Vorteil ist: Diese Fachleute arbeiten bei uns nicht irgendwo extern, sondern im selben Unternehmen zusammen. 

E. B.:Diese Vielfalt macht die Suche nach Mitarbeitern anspruchsvoller. Wie gelingt es der Debeka, so unterschiedliche Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu halten? 

T. B.:Wir suchen nicht nach einem einzigen idealen Mitarbeitertyp. Je nach Aufgabe und Bereich sind unterschiedliche Fähigkeiten und Sichtweisen gefragt – zum Beispiel bei Mathematikern, Softwareentwicklern, Ärzten oder Mitarbeitern im Vertrieb. Was viele bei uns schätzen, ist die Verbindung aus Stabilität und echter Verantwortung. Dazu kommt der Standort Koblenz. Über Jahrzehnte ist eine enge Zusammenarbeit mit Hochschulen und Bildungseinrichtungen gewachsen. Aktuell beschäftigen wir rund 130 Werkstudenten. In Großstädten konkurrieren Unternehmen oft mit sehr vielen Arbeitgebern um dieselben Absolventen. In Koblenz sind die Wege kürzer und die Zusammenarbeit direkter. 

A. T.:Viele dieser Berufsbilder werden sich durch künstliche Intelligenz verändern. Welche Auswirkungen erwarten Sie bei der Debeka? 

T. B.: Wenn KI bestimmte Aufgaben übernimmt, heißt das für uns nicht, dass Menschen wegrationalisiert werden. Sie werden an anderer Stelle gebraucht. Die Debeka hat noch nie betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen und plant dies auch künftig nicht. KI kann Routinen vereinfachen, Informationen schneller verfügbar machen und Mitarbeiter entlasten. Gerade dadurch entsteht mehr Raum für Aufgaben, bei denen persönliche Erfahrung und Beratung entscheidend bleiben. Technologie kann viel verbessern, sie löst aber nicht jedes Problem. 

E. B.: Das gilt auch für das Gesundheitssystem. Digitale Prozesse können Abläufe erleichtern, die großen Herausforderungen liegen aber tiefer. Als einer der großen privaten Krankenversicherer bringt sich die Debeka in die Debatte über die Zukunft des Systems ein. Wo sehen Sie angesichts steigender Kosten den wichtigsten Handlungsbedarf? 

T. B.: Ein einzelner Hebel wird das Problem nicht lösen. Wir brauchen eine bessere Steuerung der Versorgung, mehr Prävention und eine ehrliche Debatte über die Kosten. Doppeluntersuchungen und mangelnde Abstimmung zwischen Hausärzten, Fachärzten und Kliniken verursachen hohe Ausgaben, ohne die Versorgung spürbar zu verbessern. Medizinischer Fortschritt ist etwas Positives, bringt aber auch Kosten mit sich. Wir können stolz auf unser Gesundheitssystem sein. Gleichzeitig müssen wir jetzt die richtigen Schritte gehen, um es langfristig zu erhalten. 

A. T.:Die richtigen Schritte zu gehen, bedeutet gerade in Ihrer Branche oft, sorgfältig abzuwägen und trotzdem rechtzeitig zu entscheiden. Was heißt unternehmerischer Mut in einem Geschäft, das Risiken berechnen und begrenzen muss? 

T. B.: Versicherer kalkulieren Risiken. Das Wesen unseres Geschäfts ist, das Unwahrscheinliche einzupreisen. Wer zu mutig kalkuliert, gefährdet die Stabilität. Wer zu zaghaft ist, verliert den Anschluss. Mut zeigt sich bei Investitionen in neue Technologien oder bei neuen Angeboten. Er bedeutet aber auch, Nein zu sagen: zu einer Übernahme nur um der Größe willen, zu einer teuren Marketingaktion ohne erkennbaren Nutzen oder zu einem Trend, dem alle folgen, ohne seinen Wert zu hinterfragen. Vorsicht bleibt wichtig. Entscheidend ist aber, rechtzeitig zu erkennen, wann Abwarten nicht mehr Sicherheit schafft, sondern Stillstand bedeutet. 


ZUM UNTERNEHMEN

Name: Debeka-Gruppe
gegründet:1905
Hauptsitz:Koblenz
Vorstandsvorsitzender: Thomas Brahm
Kernkompetenz: Umfassende Lösungen rund um Versicherung, Vorsorge, Bausparen und Finanzierung. Das Leistungsspektrum reicht von privater Kranken-, Lebens- und Sachversicherung über Altersvorsorge und Baufinanzierung bis hin zu Geldanlage und weiteren Finanzdienstleistungen. Ergänzt wird das Angebot durch die Debeka BKK als gesetzliche Krankenversicherung sowie durch persönliche Beratung und digitale Services.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter:fast 17.000
weitere Informationen:debeka.de

 


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