Dezember 19, 2025 6 min lesen.
Ausblick
Nach dem Scheitern der Ampelkoalition hat die neue Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz einen holprigen Start hingelegt. Viele Unternehmen fragen sich nun: Bringt das kommende Jahr die Trendwende oder droht Deutschland weiter den Anschluss zu verlieren?
In seiner ersten Regierungserklärung als Bundeskanzler am 14. Mai 2025 war Friedrich Merz optimistisch: „Ich möchte, dass Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, schon im Sommer spüren: Hier verändert sich langsam etwas zum Besseren, es geht voran.“ Viele Unternehmen haben in diese Ankündigung große Hoffnungen gesetzt. Diese Hoffnungen sind inzwischen Ernüchterung und sogar Frustration gewichen. Schon nach sechs Monaten Amtszeit hat die Regierungskoalition aus Union und SPD in der Wirtschaft ihre Vorschusslorbeeren verspielt.
„Die Unternehmen haben auf solche Ankündigungen vertraut und sind bisher enttäuscht worden“, sagt Arne Rössel, Hauptgeschäftsführer der IHK Koblenz. „Vertrauen ist ein flüchtiges Gut. Man gewinnt es durch konkretes Handeln. Die Taten müssen der Erwartungshaltung entsprechen, die durch die politische Kommunikation geweckt wurde. Begriffe wie Turbo, Booster oder ein Herbst der Reformen müssen durch Gesetzeshandeln so konkret werden, dass sie der Begrifflichkeit auch entsprechen.“
Wenn ein Mittelständler eine Bedrohung für sein Unternehmen erkennt, dann ergreift er Gegenmaßnahmen und setzt sie unmittelbar um. Warum tut der Bundeskanzler das nicht, der doch erkannt haben muss, wie wichtig es ist, den Standort Deutschland so schnell wie möglich wieder flottzumachen, fragt sich Rössel.
Julie Quervel, Juniorchefin der Classen Group mit Sitz in Kaisersesch, fragt sich das auch. Die Enkelin des Firmengründers Dr. Hans Jürgen Hannig, der 1962 mit der Herstellung von Wand- und Bodenbelägen sowie Türen und Zargen begann, ist der festen Überzeugung, dass die deutsche Wirtschafts- und Industriepolitik vor allem daran krankt, dass ein konsistentes Gesamtkonzept fehlt. Stattdessen herrschten Kleinteiligkeit und beharrende Trägheit.
„Die Unternehmer verlieren die Geduld. Die Politik zeigt eine eklatante Priorisierungsschwäche, mangelnden Umsetzungswillen und entwickelt viel zu wenig Tempo angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage“, sagt Quervel. Ihr sei schon klar, dass man ein großes Land wie Deutschland nicht innerhalb von sechs Monaten so drehen kann, dass es auf Kurs kommt. „Aber es hätte schon deutlich mehr passieren können. Ich finde, es wird auch zu viel auf die Großkonzerne geschaut. Die kleinen und mittleren Unternehmen sind zu wenig auf dem Radar. Auch wir Familienunternehmen haben eine Stimme und wollen gehört werden.“
Für Quervel braucht Deutschland eine klare Agenda, die als großes Gesamtpaket aus Energie, Genehmigungsvereinfachung, Steuern, Arbeit, Soziales und Außenhandel gedacht werden sollte. „Der Blick für die großen Hebel ist verlorengegangen. Wir können von China lernen. Das Instrument des Fünfjahresplans gibt eine klare Richtung vor und fokussiert das Land auf gemeinsame Ziele. Wir hier in Deutschland verlieren uns hingegen in Klein-Klein.“
„Der Blick für die großen Hebel ist verlorengegangen. Wir können von China lernen. Das Instrument des Fünfjahresplans gibt eine klare Richtung vor und fokussiert das Land auf gemeinsame Ziele.“ ~ Julie Quervel, Juniorchefin der Classen Group
Der nächste chinesische Fünfjahresplan, der ab 2026 gilt, wird sich auf hochwertiges Wachstum, technologische Selbstständigkeit, grüne Transformation und die Stärkung des Binnenmarkts konzentrieren. Im Gegensatz zu früheren Plänen, die stärker auf Exporte und Infrastruktur ausgerichtet waren, soll der Binnenkonsum in China eine zentralere Rolle spielen.
Im mangelnden Inlandsabsatz sieht der Hauptgeschäftsführer der IHK Koblenz das größte Konjunkturrisiko für Deutschland. „Aus unserer aktuellen Konjunkturumfrage im Kammerbezirk erkennen wir die Kaufzurückhaltung bei den Bewertungen zur Geschäftslage und den Geschäftserwartungen des Einzelhandels und des Gastgewerbes deutlich. Die zurückhaltende Investitionsplanung trägt zusätzlich zur abgeschwächten Binnennachfrage bei.“
Die negativen Geschäftserwartungen der Bauwirtschaft zeigten zudem, dass dort große Zweifel an den positiven Effekten aus dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz herrschen. Auch für die Classen Group wird die Konsumzurückhaltung spürbar. Im Do-it-yourself-Bereich bleiben langlebige Produkte zunehmend in den Regalen der Baumärkte liegen. Die Kundenfrequenz hat dort im Jahr 2024 im Vergleich zum Vorjahr leicht abgenommen.
Einem Ifo-Bericht zufolge meldeten im ersten Quartal 2023 allerdings 69,3 Prozent der Baumarktbetriebe einen zum Teil deutlichen Rückgang der Kundenfrequenz. Nach diesem starken Rückgang im Jahr 2023 stabilisiert sich zwar die Branche, liegt aber immer noch unter der langfristigen Wachstumslinie.

Prof. Dr. Michael Grömling, Leiter der Forschungsgruppe Makroökonomie und Konjunktur am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, wirbt dafür, den Glauben an Reformen und positive Veränderungen in Deutschland noch nicht aufzugeben. „Wir haben in Deutschland massive Investitionsprobleme auf allen Gebieten, vom öffentlichen Bereich über die Privatwirtschaft bis zur Forschung. Außerdem erfordert unsere föderale Struktur erhebliche Abstimmungsprozesse.“
Für Grömling ist es deshalb besonders wichtig, dass die Bundesregierung bei der Umsetzung der Reformen eng mit der Länderebene und den Kommunen zusammenarbeitet. „Für Reformen braucht es umsetzungswillige Landesregierungen und mutige Bürgermeister und Bürgermeisterinnen. Einen Standort zu reformieren, funktioniert nicht auf Knopfdruck.“
Außerdem mache es einen großen Unterschied, ob man einen Kurswechsel in einem Land wie Norwegen mit seinen 5,6 Millionen Einwohnern vornimmt oder ob man mit Reformen die Lebensgrundlagen von 84 Millionen Menschen wie in Deutschland absichert.
„Die geopolitischen Verwerfungen stressen die Verantwortlichen in exportorientierten Betrieben zusätzlich. Viele fahren auf Sicht, sondieren und entwickeln mit Bedacht neue Auslandsmärkte.“ ~ Arne Rössel, Hauptgeschäftsführer der IHK Koblenz
Grömling empfiehlt, Ziele nicht verbissen zu verfolgen. „Die Effizienz des Weges ist wichtiger. Am Ende gibt den Ausschlag, dass Reformen Bestand haben und anschlussfähig an die globale Wirtschaftswelt sind. Es macht wenig Sinn, immer nur auf die Monstranz zu schauen. Man muss auch die gesamte Prozession und ihren Weg im Blick behalten.“
Grömling erinnert daran, dass Deutschland in der Vergangenheit zum Teil sehr weitreichende Entscheidungen getroffen hat. „Der Entschluss, voll und ganz auf erneuerbare Energien zu setzen, sich aus der Atomkraft zurückzuziehen und Kohlekraftwerke abzuschalten, war mutig. Gleichzeitig war es vernünftig, Gas als Brückentechnologie noch weiter zu nutzen.“
Am Ende gehe es darum, den Klimaschutz mit dem Absichern der industriellen Basis in Deutschland in Einklang zu bringen. „Dafür braucht man Planbarkeit, Konstanz und Verlässlichkeit in der Transformationspolitik.“
Auch wenn es derzeit große Unzufriedenheit mit der Koalition gebe, weil sie zu wenig politischen Umsetzungswillen zeigt, müsse man doch froh sein, in diesen stürmischen Zeiten überhaupt eine Bundesregierung zu haben – und zwar sowohl mit Blick auf die Wirtschaftspolitik als auch die Außenpolitik. Es wäre auch möglich gewesen, dass Deutschland vor Neuwahlen steht oder von einer nahezu handlungsunfähigen Minderheitsregierung geführt wird. „Wir sind wenigstens regierbar und außenpolitisch sichtbar“, sagt Grömling.
Aber nicht nur eine lahmende Binnennachfrage, Inflationsgefahren und Reformstaus bereiten deutschen Unternehmen Kopfzerbrechen. Die geopolitischen Verwerfungen, die Politik von Zöllen und Gegenzöllen sowie die Abschottung von Märkten werden für Deutschland als exportorientierte Nation, und auch für Rheinland-Pfalz mit seinen hohen Exportzahlen, zunehmend zum Problem. Die Exportquote von Rheinland-Pfalz lag im Jahr 2024 bei 55,1 Prozent, mit einem Wert von mehr als 56 Milliarden Euro.
Die Classen Group exportiert einen erheblichen Teil ihrer Produkte in die USA. „Auch wir sind von den Zöllen betroffen. Das drückt auf den Absatz und das schmerzt. Zölle binden außerdem Kapital und erhebliche Managementzeit. In den Exportmärkten steigen die Preise und die Verbraucher werden immer kostensensibler“, sagt Quervel. Der Händlerdruck auf die Hersteller, die Preise zu senken, um Zollkosten auszugleichen, wächst. „Unter dem Strich haben Zölle für alle nur negative Konsequenzen.“
Die verschärften Zölle in Kombination mit den nach wie vor hohen Energiepreisen erschweren, so Quervel, langfristige Investitionsentscheidungen. „Wie viele andere auch, sind wir bei Investitionen sehr vorsichtig geworden. Investitionen brauchen verlässliche und dauerhafte Rahmenbedingungen. Die sehen wir augenblicklich nicht.“
Das führe parallel zu gebremsten Aktivitäten in den Bereichen Forschung und Entwicklung und zu einem Rückstand, der später im internationalen Wettbewerb schwer wieder aufzuholen sei.
„Die geopolitischen Verwerfungen stressen die Verantwortlichen in exportorientierten Betrieben zusätzlich. Viele fahren auf Sicht, sondieren und entwickeln mit Bedacht neue Auslandsmärkte“, sagt Rössel. Allen sei bewusst, dass der Freihandel ein rauer See ist und auch nichttarifäre Handelshemmnisse wie Verordnungen und Richtlinien zunehmen werden.
„Ein erfreulicher Aspekt: Die IHK Koblenz hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das für viele Exporte unentbehrliche Ursprungszeugnis im Zollverkehr seit September voll digital eingesetzt werden darf“, sagt der Hauptgeschäftsführer. Manchmal änderten sich die Zollvorgaben sogar, während Produkte noch per Schiff unterwegs seien.
Das Thema Fachkräftemangel ist derzeit in der öffentlichen Diskussion etwas in den Hintergrund getreten. Aber das Problem bleibt bestehen und verschärft sich angesichts der demografischen Entwicklung. „Es wird von entscheidender Bedeutung sein, dass es uns gelingt, im Ausland qualifizierte Arbeitskräfte für Deutschland zu gewinnen und gleichzeitig alles dafür zu tun, die heimischen Fachkräfte zu binden“, sagt Quervel.
Die Erfolgsaussichten, gute Fachkräfte zu finden, seien von Bereich zu Bereich unterschiedlich. So ist zum Beispiel die Suche nach Elektrikern und Schlossern derzeit schwierig.
Grömling sieht beim Fachkräftemangel gerade auf das Handwerk schwere Zeiten zukommen. „Zu viele Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, Handwerksbetriebe finden keine Nachfolgelösungen. In fünf bis zehn Jahren werden wir das noch mehr zu spüren bekommen. Nämlich dann, wenn das Dach undicht ist, das Wasser tropft, aber niemand kommt, um es zu reparieren.“
„Am Ende gibt den Ausschlag, dass Reformen Bestand haben und anschlussfähig an die globale Wirtschaftswelt sind.“ ~ Prof. Dr. Michael Grömling, Leiter der Forschungsgruppe Makroökonomie und Konjunktur am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln
Redakteur
Hans-Rolf Goebel ist seit 2018 als Freier Autor für die WIRTSCHAFT tätig. Der gelernte Journalist verantwortet die Beiträge für das Topthema als Aufmacher der Zeitung und für das Dossier.
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