Dossier: Arbeitskräftemangel | Ein mutiges Pilotprojekt zahlt sich aus

Februar 24, 2023 4 min lesen.

Land und Golf Hotels Stromberg startet ein gelungenes Pilotprojekt mit ausländischen Mitarbeitern
Foto: Land und Golf Hotel Stromberg

Stromberg Viele Beschäftigte haben während der Corona-Krise die Freude an der Arbeit im Gastgewerbe verloren und sich anderen Branchen mit mehr Planbarkeit und Freizeitwert zugewandt. Andreas Kellerer, Direktor des Land und Golf Hotels Stromberg, gelingt es mit Arbeitskräften aus Südostasien und der Ukraine, den Betrieb störungsfrei aufrechtzuerhalten.

Von Hans-Rolf Goebel

Sie kommen mit einem Koffer, der 25 Kilogramm wiegt, und bleiben 36 Monate – vielleicht sogar länger, hofft Andreas Kellerer, der seit mehr als 22 Jahren das renommierte Land und Golf Hotel Stromberg leitet. Gemeint sind die acht jungen Menschen aus Indonesien, die seit Mai 2022 zum Team des Hotels gehören und von denen Kellerer sagt, sie seien eine große Bereicherung und er habe ihnen viel zu verdanken.

Kellerer musste im Sommer 2021 anlässlich der Wiedereröffnung seines Hotels nach dem zweiten Lockdown eine bittere Bilanz ziehen. „Durch die Pandemie sind uns zwei starke Ausbildungsjahrgänge, also gut 20 bis 25 Beschäftigte, nahezu komplett verloren gegangen. Wir betrachten unsere Auszubildenden als unsere Fachkräfte von morgen. Das war ein herber Verlust“, sagt der Hoteldirektor. Zusätzlich verschärft wird das Problem, weil der Arbeitsmarkt für Mitarbeiter in Hotellerie und Gastronomie leergefegt ist. „Das zentrale Manko in unserer Branche sind die mangelnde Planbarkeit und der geringe Freizeitwert. Wir sind nicht in der Lage, einen verbindlichen Dienstplan für vier Wochen zu schreiben, der unseren 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zwei freie Wochenenden oder dienstbefreite Brückentage garantiert“, sagt Kellerer. Dazu müsse er in der Lage sein, losgelöst vom Geschäft Mitarbeiter vorzuhalten, die wie Springer die Lücken schließen. Aber das sei wegen des Personalmangels auf dem Arbeitsmarkt nicht möglich. Erhält Kellerer zu Wochenbeginn mehrere Krankmeldungen aus der Belegschaft, bleibt ihm nichts anderes übrig, als Mitarbeiter, die eigentlich frei haben, zu bitten, trotzdem zur Arbeit zu kommen. „Sie machen das tatsächlich zum Wohle des Teams, aber glücklich ist keiner darüber. Früher hat man gesagt: Ich habe genügend Geschäft, also stelle ich Mitarbeiter ein. Heute heißt das Motto: Habe ich genügend Mitarbeiter, kann ich auch mehr Geschäft machen.“ In einem Hotel oder Restaurant müsse ständig reagiert, kompensiert und organisiert werden. „In einer Behörde bleibt der Computer einfach aus, wenn der Mitarbeiter krank ist. Wir müssen hingegen alle Hebel in Bewegung setzen, um unserem Qualitätsanspruch zu genügen.“

So wurde im Oktober 2021 die Idee geboren, Arbeitskräfte in Südostasien zu rekrutieren. Ein Pilotprojekt, mit dem das Land und Golf Hotel Stromberg mutige Pionierarbeit geleistet hat. Umgesetzt hat Kellerer die Idee mit der Agentur AuLID, die interessierte junge Menschen aus Südostasien in den deutschen Arbeitsmarkt vermittelt. „Es sind Absolventen deutscher Schulen in Indonesien, die bereits über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen. Wir haben mit den Ausbildungswilligen per Videokonferenz Vorstellungsgespräche geführt und uns für acht Kandidaten, zwei Männer und sechs Frauen, entschieden.“ Glücklicherweise habe er eine sehr engagierte Personalabteilung.

„Früher hat man gesagt: Ich habe genügend Geschäft, also stelle ich Mitarbeiter ein. Heute heißt das Motto: Habe ich genügend Mitarbeiter, kann ich auch mehr Geschäft machen.“
Alexander Kellerer, Direktor des Land und Golf Hotels Stromberg

„Denn ist das Flugzeug in Deutschland gelandet, übernehmen wir eine große Verantwortung. Es geht nicht nur um gutes Geld für gute Arbeit. Ein solches Projekt erfordert auch ein hohes soziales Engagement.“ Bei vielen Dingen muss geholfen werden: bei Gängen zu Ämtern und Behörden, bei der Eröffnung eines Bankkontos, dem Erwerb einer Handykarte und beim Kauf von Winterkleidung und festen Schuhen. Kellerers Fazit nach neun Monaten fällt durchweg positiv aus. Die jungen Menschen aus Indonesien seien hochmotiviert, hätten sich erstklassig eingelebt und verfügten dank der Deutschkurse, die zweimal in der Woche stattfinden, und der täglichen Konversation über sehr gute Deutschkenntnisse. Er plane bereits, im laufenden Jahr 2023 noch bis zu vier neue Mitarbeiter in Indonesien zu rekrutieren.

Ähnlich begeistert ist Kellerer vom Engagement seiner zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Ukraine. Diese Unterstützung verdankt er einer Mitarbeiterin, die aus der Ukraine stammt. Sie hat ihre Kontakte spielen lassen und so dafür gesorgt, dass für die Küche und im Zimmerservice Verstärkung gefunden wurde. Kellerer ist optimistisch, dass die meisten seiner neu gewonnenen Mitarbeiter auch langfristig in Deutschland bleiben werden. Es sei wichtig, sich als fairer und fürsorglicher Arbeitgeber zu zeigen, beispielsweise, indem Heimreisen finanziert werden und Urlaub am Stück über einen längeren Zeitraum möglich ist. Der Ausbildungsjahrgang 2022, der am 1. August begonnen hat, ist dank der Initiative von Kellerer wieder so stark wie vor der Pandemie – aber er hat ein neues Gesicht bekommen. Fünf Auszubildende stammen aus der Region um Stromberg, acht aus Indonesien und eine aus der Ukraine. „Früher hat man gesagt: Ich habe genügend Geschäft, also stelle ich Mitarbeiter ein. Heute heißt das Motto: Habe ich genügend Mitarbeiter, kann ich auch mehr Geschäft machen.“ Alexander Kellerer, Direktor des Land und Golf Hotels Stromberg Sie fehlen an allen Ecken und Enden Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Gastronomie ist im Jahr 2020 gegenüber 2019 um beinahe ein Zehntel zurückgegangen. 2021, im zweiten Jahr der Pandemie, hat sich der Rückgang dann etwas verlangsamt. In der Hotellerie hingegen hat sich die Verringerung der Beschäftigtenzahlen im zweiten Jahr der Pandemie noch beschleunigt. „Die Corona-Pandemie hat den gastgewerblichen Arbeitsmarkt mit voller Wucht getroffen“, klagt Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Vielen Betrieben stünde das Wasser bis zum Hals. Gut 55 Prozent der Unternehmen fürchteten um ihre Existenz.

Statistik zum Beschäftigtenschwund in der Gastronomie und Hotelerie

Im Jahr 2020 machte die Gastronomie in Deutschland weit mehr als die Hälfte der Umsätze im Gastgewerbe. Den mit Abstand größten Anteil am Umsatz hat die speisegeprägte Gastronomie. In den Jahren 2020 und 2021 erlebte die Gastronomie infolge der Corona-Pandemie jedoch massive Einbrüche ihrer Umsatzerlöse. Insbesondere im Frühjahr 2020 und 2021 blieb ein Großteil der Umsätze aufgrund der bundesweiten Schließungen von Restaurants und Bars aus. In den Sommermonaten beider Jahre wurden nach Lockerungen der Kontaktbeschränkungen zwar wieder mehr Einnahmen erzielt, das Niveau aus dem Jahr 2019 wurde jedoch nicht wieder erreicht.

Quelle und Grafik: Statista/Bundesagentur für Arbeit/DEHOGA

Zur Person

Andreas Kellerer - Hoteldirektor im Land und Golf Hotel Stromberg.
Foto: Land und Golf Hotel Stromberg

Alexander Kellerer wurde 1968 in Augsburg geboren und wuchs dort auf. Auf seine Ausbildung zum Restaurantfachmann folgten prägende Stationen wie das Hotel Schreiberhof in München, die Hapag-Lloyd-„MS Europa“, das Fünf-Sterne-Luxusresort Sonnenalp im Allgäu sowie das Hotel Döllnsee in der Schorfheide, Brandenburg. Seit 1999 ist Kellerer Hoteldirektor im Land und Golf Hotel Stromberg.

Zum Unternehmen

Das Land und Golf Hotel Stromberg verfügt über 174 Hotelzimmer, drei Restaurants, 18 Tagungsräume und einen 2800 Quadratmeter großen Spa-Bereich mit Wellnessgarten. Das Team des Hotels besteht aus 120 Mitarbeitern. Die angeschlossene 18-Loch-Golfanlage bietet den ersten Abschlag direkt am Hotel.

Weitere Information: www.golfhotel-stromberg.de

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