Dossier: Arbeitskräftemangel | Land unter oder Land in Sicht bei den Fachkräften?

Februar 24, 2023 7 min lesen.

Fachkräfte sind heutzutage Mangelware
Fotos: Kzenon/stocke-adobe.com

Personal Die neue Fachkräftestrategie des Landes Rheinland-Pfalz für den Zeitraum 2022 bis 2026 ist branchenübergreifend ausgerichtet. Sie formuliert Ziele und Vorhaben, die den Herausforderungen einer sich verändernden Arbeits- und Ausbildungswelt gerecht werden sollen. WIRTSCHAFT befragte Arbeitsminister Alexander Schweitzer und Prof. Dr. Jutta Rump vom Institut für Beschäftigung und Employability zu Versäumnissen der Vergangenheit und Chancen der Zukunft.

Von Hans-Rolf Goebel

Die heutige Misere am deutschen Arbeitsmarkt war schon in den 1970er-Jahren absehbar, sagt Prof. Dr. Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) in Ludwigshafen. „Zu diesem Zeitpunkt setzte die demografische Entwicklung ein, die dazu geführt hat, dass wir heute einen eklatanten Fachkräftemangel erleben. Man brauchte die Geburtenraten eigentlich nur hochzurechnen, um zu wissen, was auf uns zukommt“, sagt Rump.

Die 15. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts bestätigt diese These. Sie beruht auf dem Bevölkerungsstand vom 31. Dezember 2021. Das Durchschnittsalter der Menschen in Deutschland lag im Jahr 2021 mit 45 Jahren um gut sechs Jahre höher als im Jahr der deutschen Vereinigung 1990. Damals betrug der Mittelwert 39 Jahre. Besonders deutlich zeigen sich die Veränderungen anhand der Alterung der stark besetzten Jahrgänge von 1955 bis 1970, die zur sogenannten Babyboom-Generation gehören. Im Jahr 1990 bildeten sie als 20- bis 35-Jährige die größte Altersgruppe. Das sind sie auch heute noch. Aber inzwischen sind sie in das höhere Erwerbsalter vorgerückt. Ihr Ausscheiden aus dem Erwerbsleben hat begonnen und wird sich bis Ende der 2030-er-Jahre fortsetzen.

Alterung der Bevölkerung bis 2060
Quelle und Grafik: Statista/Statistisches Bundesamt 
Die Alterspyramide in Deutschland entwickelt bis 2060 immer stärker eine Urnenform – unten schmal und nach oben breiter werdend. Das zeigt die Bevölkerungsprognose des Statistischen Bundesamts. Diese Form kommt zustande, weil einerseits die Geburtenzahlen abnehmen und andererseits die Lebenserwartung zunimmt. Aus der Grafik geht auch hervor, dass demnächst die sogenannte Babyboom-Generation, die geburtenstarken Jahrgänge der Zeit von 1955 bis etwa 1970, in Rente gehen wird. Das Wirtschaftswunder sorgte damals für steigende Geburtenraten. Das staatliche Rentensystem wird daher in den kommenden Jahren großen finanziellen Belastungen ausgesetzt sein.
Quelle und Grafik: Statista/Statistisches Bundesamt

Die Corona-Pandemie, so Rump, hat das Problem noch zusätzlich verschärft. In dieser Zeit haben zahlreiche Unternehmen Personal abgebaut, um überleben zu können. „Dieses kurzfristige Agieren aus guten Gründen steht im deutlichen Gegensatz zu einem strategischen, langfristig angelegten Personalmanagement, das Fachkräfte über viele Jahre bindet.“ Diese Abschmelzungsprozesse beim Personal hätten den Fachkräfteschwund noch beschleunigt. „Altersteilzeit, Vorruhestand und Frühverrentung haben zusätzliche Türen für das Verlassen des Arbeitsmarkts geöffnet.“

Auch Alexander Schweitzer, Minister für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung, macht der wachsende Fachkräftemangel Sorgen. Schweitzer betont aber, dass die Gegenmaßnahmen, die man in der rheinland-pfälzischen Fachkräftestrategie 2022 bis 2026 zwischen den zuständigen Fachministerien, Vertretern der Kammern, der Gewerkschaften, der Arbeitgeberverbände und der Bundesagentur für Arbeit am „Ovalen Tisch“ vereinbart hat, Wirkung zeigen werden. „Wir haben uns darin sieben grundlegende Ziele gesetzt, die in unseren Augen zentrale Hebel für die Fachkräftesicherung sind. Sie sind bewusst politik- und branchenübergreifend formuliert, um möglichst viele Synergieeffekte, zum Beispiel bei der Aus- und Weiterbildung, zu erreichen“, sagt Schweitzer.

„Wir gehen beim IBE davon aus, dass in den kommenden zwölf Jahren etwa 25 Prozent der Erwerbstätigen, das sind rund elf Millionen Beschäftigte, in Rente gehen werden. Aber es werden noch nicht einmal sieben Millionen an jüngeren Arbeitskräften nachrücken.“
Prof. Dr. Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) in Ludwigshafen

Die sieben Ziele, die mit 62 konkreten, aufeinander abgestimmten Vorhaben hinterlegt worden sind, reichen von Verbesserungen bei der vorberuflichen Berufsorientierung über die Begleitung des Übergangs von der Schule in den Beruf bis zur Stärkung der dualen Berufsausbildung, um die Attraktivität dieses Bildungswegs im Wettbewerb mit anderen Bildungsbereichen sicherzustellen. Weil der berufsbezogenen Fort- und Weiterbildung besondere Bedeutung in der Fachkräftesicherung zukommt, hat sich der „Ovale Tisch“ auch eine Kultur der kontinuierlichen Qualifizierung zum Ziel gesetzt.

„Wir haben uns sieben grundlegende Ziele gesetzt, die in unseren Augen zentrale Hebel für die Fachkräftesicherung sind. Sie sind bewusst politik und branchenübergreifend formuliert, um möglichst viele Synergieeffekte, zum Beispiel bei der Aus- und Weiterbildung, zu erreichen.“
Alexander Schweitzer, Minister für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz

Die Erwerbsbeteiligung von Frauen, die ihr Erwerbsleben familienbedingt noch immer häufiger als Männer unterbrechen, soll deutlich erhöht werden. „Das längerfristige Ausscheiden hochqualifizierter Frauen aus dem Erwerbsleben können wir uns auf Dauer nicht leisten. Dafür müssen allerdings die Rahmenbedingungen stimmen, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung“, sagt Schweitzer. „Der Arbeitstag muss zum Leben passen und nicht das Leben für den Arbeitstag passend gemacht werden.“ Das neue, im Juli 2021 in Kraft getretene rheinland-pfälzische Kita-Zukunftsgesetz sei hier bereits ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Mit einer stärkeren Erschließung internationalen Nachwuchs- und Fachkräftepotentials und Maßnahmen für eine attraktive und gesunde Arbeitswelt enden die Zielvorgaben des „Ovalen Tisches“.

Um nicht in die Falle des Fachkräftemangels zu laufen, empfiehlt Prof. Dr. Rump den Unternehmen eine frühzeitige Altersstrukturanalyse für ihre strategische Personalplanung. Dabei wird die Anzahl der Mitarbeiter in Altersgruppen gegliedert (beispielsweise in Zehnjahresschritten) und dann in die Zukunft gespiegelt. Unter Berücksichtigung der natürlichen Fluktuation und der immer weniger werdenden jungen Nachrücker kann ein Unternehmen mit diesem Ansatz schnell ermitteln, wie die Belegschaft im Schnitt immer älter wird bis zu dem Punkt, an dem die Mitarbeiter aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Gleichzeitig kann das Management frühzeitig die Rekrutierung von geeignetem Fachkräftenachwuchs planen. „Wir gehen beim IBE davon aus, dass in den kommenden zwölf Jahren etwa 25 Prozent der Erwerbstätigen, das sind rund elf Millionen Beschäftigte, in Rente gehen werden. Aber es werden noch nicht einmal sieben Millionen an jüngeren Arbeitskräften nachrücken.“ Die Schere öffnet sich immer weiter.

Rump ist davon überzeugt, dass diese Entwicklung nur mit einer deutlichen Steigerung von zuwandernden Arbeitskräften zu bremsen sein wird. Sie selbst spricht jedoch lieber von internationalem Recruiting als von Zuwanderung. Die Frage, ob Deutschland Einwanderung brauche, sei schon lange mit Ja beantwortet. Rump lobt deshalb ausdrücklich die Pläne für das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Die Wirtschaft erhoffe sich davon einen weiteren Abbau bürokratischer Hürden und beschleunigte Abläufe. Auch die Absicht der Bundesagentur für Arbeit, sich noch stärker als bisher als Qualifizierungsagentur und weniger als Vermittlungsagentur zu definieren, bewertet sie positiv. „Man sieht: Wir lernen. Aber mindestens genauso wichtig wie vereinfachte gesetzliche Regelungen ist eine Willkommenskultur, von der nicht nur geredet wird, sondern die offen gezeigt und gelebt wird“, sagt Rump. Hilfreich sei ein „interkulturelles Training“ in den Unternehmen, mit dem das Verständnis füreinander gestärkt wird.

Schweitzer bringt noch einen zusätzlichen Aspekt ins Spiel. „Jeder Monat, den die jetzt ausscheidende Generation länger im Erwerbsleben bleibt, hilft gegen den Fachkräftemangel.“ Glücklicherweise habe sich die Erwerbsbeteiligung der älteren Generation in Deutschland wieder erhöht. „Unternehmen tun gut daran, Bewerbungen von Menschen der Altersgruppe 50 plus nicht direkt beiseitezulegen. Solche Bewerberinnen und Bewerber können wertvolle Kenntnisse und Erfahrungen für ein Unternehmen mitbringen.“

Zur Person

Alexander Schweitzer
Foto: Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung RLP

Alexander Schweitzer (MdL, SPD) wurde am 17. September 1972 in Landau in der Pfalz geboren. Nach dem Abitur in Bad Bergzabern schloss er 1993 ein Jurastudium an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz an und beendete es 2001 mit dem Staatsexamen. Von 2001 bis 2004 war Schweitzer bei einer Agentur zur Qualitätssicherung in Lehre, Studium und Forschung in Baden-Württemberg tätig, von 2004 bis 2006 dann als Mitarbeiter und Projektleiter beim Steinbeis Transferzentrum IPQ in Heidelberg und als Dozent an der Berufsakademie Mosbach.
Schweitzer nahm zahlreiche Positionen in der SPD ein, bevor er von 2009 bis 2011 das Amt des Staatssekretärs im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau des Landes Rheinland-Pfalz übernahm und von 2013 bis 2014 Staatsminister im Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz wurde. Von 2014 bis 2021 war er Vorsitzender der SPDFraktion im Landtag Rheinland-Pfalz und wurde dann 2021 zum Staatsminister im Ministerium für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung des Landes Rheinland-Pfalz ernannt. Alexander Schweitzer ist verheiratet und hat drei Kinder. 

Prof. Dr. Jutta Rump
Foto: Simon Wegener

Prof. Dr. Jutta Rump ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. Darüber hinaus ist sie Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability in Ludwigshafen (IBE) – eine wissenschaftliche Einrichtung der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Trends in der Arbeitswelt (Digitalisierung, Demografie, Diversität, gesellschaftlicher Wertewandel, technologische Trends und ökonomische Entwicklungen) und die Konsequenzen für Personalmanagement und Organisationsentwicklung sowie Führung.
In zahlreichen Unternehmen und Institutionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Jutta Rump als Prozessbegleiterin tätig. Seit 2017 gehört sie nach Angaben des Personalmagazins kontinuierlich zu den 40 führenden HR-Köpfen.

Fachkräftemangel in den Kitas

Trotz des massiven Kita-Ausbaus in den vergangenen Jahren gibt es in Rheinland-Pfalz noch immer zu wenige Kitaplätze, um die Nachfrage der Eltern zu decken. Gemessen am Betreuungsbedarf, fehlen im Jahr 2023 voraussichtlich bis zu 26 500 Kitaplätze. Das geht aus den Berechnungen der Bertelsmann Stiftung für das Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme 2022 hervor. Um die Nachfrage nach Kitaplätzen zu decken, müssten zusätzlich zum vorhandenen Personal weitere 6700 Fachkräfte eingestellt werden. Dadurch entstünden zusätzliche Personalkosten von knapp 291 Millionen Euro jährlich. Betriebs- und mögliche Baukosten für die neuen Kitaplätze kämen hinzu.

Ein genauerer Blick zeigt, dass sich der Ausbaubedarf in Rheinland-Pfalz nach Altersgruppen unterscheidet. So liegt die Quote der betreuten Kinder unter drei Jahren mit 29 Prozent deutlich unter dem Betreuungsbedarf von 46 Prozent. Um die dadurch entstehende Lücke zwischen Angebot und Nachfrage von 17 Prozentpunkten zu schließen, werden den Berechnungen zufolge zusätzlich 18 900 Kitaplätze benötigt. Für die Kinder ab drei Jahren ist die Lücke mit 4 Prozentpunkten geringer. Um auch für diese Altersgruppe ein bedarfsdeckendes Angebot gewährleisten zu können, wären weitere 7600 Kitaplätze erforderlich – insgesamt also 26 500 neue Plätze.

Obwohl Rheinland-Pfalz im Bundesvergleich bei den Personalschlüsseln relativ gut abschneidet, werden immer noch 78 Prozent der Kinder in Gruppen betreut, deren Personalschlüssel nicht den wissenschaftlichen Empfehlungen entsprechen. In den Kindergartengruppen liegt der Personalschlüssel bei 1 zu 8,3. Das bedeutet, dass eine vollzeitbeschäftigte Fachkraft für mehr als acht ganztagsbetreute Kinder verantwortlich ist. Das ist zwar etwas günstiger als der Bundeswert von 1 zu 8,4, jedoch ungünstiger, als die Bertelsmann Stiftung empfiehlt (1 zu 7,5). Damit 2023 in Rheinland-Pfalz nicht nur ausreichend Kitaplätze vorhanden sind, sondern auch alle Plätze kindgerechte Personalschlüssel aufweisen, müssten rund 21 100 Fachkräfte zusätzlich beschäftigt werden. Quelle: Bertelsmann Stiftung, Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme 2022

 

Weitere Information:

www.fachkraeftestrategie.rlp.de
www.ibe-ludwigshafen.de

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