Dossier: Dynamik | Tempo für den Arbeitsmarkt

Juni 28, 2024 6 min lesen.

Kind mit Plüschtier und Erwachsener mit Rollkoffer, ukrainischer Flaggenaufkleber auf dem Koffer

Der im Oktober 2023 von der Bundesregierung beschlossene Job-Turbo hat eine schnellere Arbeitsaufnahme oder einen schnelleren Beginn einer Ausbildung geflüchteter Menschen zum Ziel. Rund 700 bis 800 Ukrainerinnen und Ukrainer haben Agentur und Jobcenter in Koblenz mittlerweile beraten und bei der Arbeitssuche unterstützt. Oft sind die Menschen traumatisiert und leben in ständiger Sorge um ihre in der Ukraine verbliebenen Angehörigen.

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Koblenz Der Job-Turbo zur schnelleren Arbeitsmarktintegration von geflüchteten Menschen ist ein Programm des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Im Gespräch mit der WIRTSCHAFT zieht die Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen eine erste Bilanz.

Von Hans-Rolf Goebel

Nein, mit dem Job-Turbo sei das Rad nicht neu erfunden worden. Er sei auch keine Wunderwaffe, aber dennoch habe er bereits Gutes bewirkt. Frank Schmidt, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen, kann dem im Oktober 2023 von der Bundesregierung beschlossenen neuen Arbeitsmarktinstrument viel Positives abgewinnen. „Der Job-Turbo ist eine attraktive Marketingmaßnahme, die dabei hilft, die richtigen Menschen und Institutionen in unserem Netzwerk wirkungsvoller und schneller zusammenzubringen.“ Er ziele vor allem darauf ab, Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschland flüchten, zügig in Arbeit zu bringen oder ihnen einen schnelleren Ausbildungsbeginn zu ermöglichen. „Insgesamt sprechen wir für Deutschland von einem Potenzial von fast 400 000 Menschen, die durch den Job-Turbo schneller und unkomplizierter in ein Arbeitsverhältnis gebracht werden sollen.“ Die Vorteile dieses beschleunigten Vorgehens stehen auch Flüchtlingen aus den sogenannten Asylherkunftsländern (zum Beispiel Afghanistan, Eritrea oder Syrien) offen. Auch wenn die Arbeitsmarktpolitik nicht grundlegend umgekrempelt werde, markiere das neue Instrument dennoch einen Paradigmenwechsel, so Schmidt. „Es war immer der Erwerb der deutschen Sprache, der vorrangiges Ziel war. Aus gutem Grund, denn Sprachkenntnisse sind ein wesentliches Fundament für die gesellschaftliche und berufliche Integration.“

„Wir ziehen mit vielen Partnern am selben Strang: mit den Unternehmen, der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer, den Kommunen oder der Kreishandwerkerschaft. Die Bereitschaft für Pragmatismus und Kompromisse wächst.“

Frank Schmidt, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen, zur Einführung des Job-Turbos

Mit dem Job-Turbo werde allerdings ein pragmatisches Umdenken vollzogen. „Wir verbinden die Sprachvermittlung in enger Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern unmittelbar mit der Beschäftigung. Gelernte Sprache wird ohne Arbeit und soziale Kontakte auch schnell wieder vergessen“, sagt Schmidt. Viele geflüchtete Menschen sind gut qualifiziert und planen, langfristig in Deutschland zu leben. Dieses Potenzial soll genutzt werden. Geflüchtete haben gute Chancen, direkt nach den Integrationskursen mit Grundkenntnissen der deutschen Sprache in den Job zu starten und können anschließend ihre Deutschkenntnisse berufsbegleitend weiter verbessern, beispielsweise durch sogenannte Berufssprachkurse (BSK). Schmidt ist froh darüber, dass viele wichtige Akteure die Vorzüge des Job-Turbos erkannt haben. „Wir ziehen mit vielen Partnern am selben Strang: mit den Unternehmen, der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer, den Kommunen oder der Kreishandwerkerschaft. Die Bereitschaft für Pragmatismus und Kompromisse wächst.“ Von den großen Verbänden wünscht er sich hingegen mehr Bekennermut und Kooperation.

Guido Steffens, Bereichsleiter Markt und Integration im Jobcenter der Stadt Koblenz, ist der festen Überzeugung, dass der Perspektivwechsel allen Beteiligten guttut. „Der Markt ist sicher noch ein Stück weit verhalten, aber es kommt Bewegung rein. Wir bauen gerade einen Pool an Bewerbern auf, die mit hoher Motivation und guter Qualifikation in den deutschen Arbeitsmarkt einsteigen wollen.“

„Nicht selten laufen auch Tränen. Man darf nicht unterschätzen, welche Last gerade den Frauen aus der Ukraine aufgebürdet wurde. Sie leben in der Fremde, müssen nach Wohnraum suchen und sich oft noch um sehr kleine Kinder kümmern. Und sie leben mit der permanenten Sorge um ihre Angehörigen.“

Susanne Gerent, Beraterin im Jobcenter Cochem-Zell

Rund 700 bis 800 Ukrainerinnen und Ukrainer haben Agentur und Jobcenter in Koblenz mittlerweile beraten. In diesen Gesprächen werden individuelle Kooperationspläne zwischen Vermittler und Arbeitssuchenden erstellt, in denen kurz und bündig die nächsten Entwicklungsschritte und der zeitliche Rahmen dafür niedergeschrieben werden.

Jasmina Müller, Geschäftsführerin des Jobcenters Cochem-Zell, ist von den neuen Kooperationsplänen ebenfalls angetan. „Sie sind verständlich, schlank und fokussiert. Ein echter Fortschritt im Vergleich zu den früheren Eingliederungsvereinbarungen, die kompliziert, umfangreich und voller rechtlicher Anmerkungen gewesen sind. Kooperationspläne sind im Übrigen kein Druckmittel, sondern ein Orientierungsrahmen, der beiden Seiten hilft.“

 

Susanne Gerent, Beraterin im Jobcenter Cochem-Zell, ist es wichtig, daran zu erinnern, dass auch der menschliche Faktor eine große Rolle spielt. „Nicht selten laufen auch Tränen. Man darf nicht unterschätzen, welche Last gerade auch den Frauen aus der Ukraine aufgebürdet wurde. Sie leben in der Fremde, müssen nach Wohnraum suchen und sich oft noch um sehr kleine Kinder kümmern. Und sie leben mit der permanenten Sorge um ihre Angehörigen.“

Verletzter Stolz, wenn ein Arbeitsangebot zwar branchenverwandt ist, sich aber nicht auf dem Niveau des Jobs im Heimatland befindet, ist weder Müller noch Gerent begegnet. Auch die Kommunikation gestalte sich heute deutlich einfacher als bei der großen Flüchtlingswelle der Jahre 2015 und 2016. Heute stehen der Agentur Sprachmittler zur Verfügung und die Beraterinnen und Berater können sich auf eine Dolmetscher-Hotline stützen. „Wenn beides gerade nicht zur Hand ist, dann läuft die Verständigung halt auch schon mal über Google Translate“, sagt Müller.

Eine Gruppe von fünf Personen, zwei Männer und drei Frauen, steht nebeneinander und lächelt in die Kamera. Im Hintergrund ist ein Plakat mit Text zu sehen, und eine Pflanze steht rechts von der Gruppe.

Die Experten zum Thema Job-Turbo (von rechts nach links): Frank Schmidt (Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Koblenz-
Mayen) Jasmina Müller (Geschäftsführerin des Jobcenters Cochem-Zell), Susanne Gerent (Beraterin im Jobcenter Cochem-Zell), Maike Gilster
(Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen) und Guido Steffens (Bereichsleiter Markt und Integration im Jobcenter der Stadt Koblenz).

Foto: Hans-Rolf Goebel

Ihre Kollegin Maike Gilster vom Arbeitgeberservice der Agentur lobt die Offenheit der Unternehmen im Einzugsgebiet, die schnell erkannt hätten, dass sich mit etwas Mut und der Bereitschaft, den neuen Kolleginnen und Kollegen im Alltag zur Seite zu stehen, sehr fähige Fachkräfte gewinnen lassen. Das Instrument des Job-Turbos habe mit seiner Marketingwirkung zusätzliche Unternehmen sensibilisiert und motiviert, Arbeitskräfte aus der Ukraine anzustellen oder ihnen eine Ausbildung anzubieten, sagt Gilster. Dabei sei das Risiko, dass solche Arbeitskräfte nach einem Ende des Krieges heimkehren wollen, nie ganz auszuschließen. Aber die Zahl derer, die Umfragen zufolge sagen, dass sie auf Dauer bleiben wollen, nimmt zu.

Der Agenturgeschäftsführer Schmidt betont, dass er dem deutschen Weg der Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt den Vorzug gibt. „In anderen Ländern mag die Integrationsquote vielleicht höher sein als bei uns, aber dabei wird oft übersehen, dass dort die meisten Geflüchteten im Niedriglohnsektor unterkommen oder reine Hilfstätigkeiten leisten.“ Er hält die Herangehensweise in Deutschland für nachhaltiger und zielführender. „Nachhaltiger deshalb, weil unsere Beraterinnen und Berater konsequent versuchen, branchennah und qualifikationsgemäß zu vermitteln. Wir schauen genau, welcher Job am besten zur bisherigen Ausbildung und zur Vita passt und suchen einen verwandten Zielberuf. Alles andere wäre eine Vergeudung von Talenten.“ Diese Strategie werde als wichtiges Puzzleteil dabei helfen, etliche qualifizierte, dringend gesuchte Fachkräfte für deutsche Unternehmen zu gewinnen.

Zwei Personen sitzen am Tisch mit Papieren, eine zeigt mit einem Stift auf ein Dokument. Laptop, Bücher und Kaffeetasse im Hintergrund.
Foto: snowing12/stock.adobe.com

Das Koblenzer Lotsenhaus

Eine Besonderheit und bewährte Grundlage für die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten ist die Lotsenhaus-Kooperation für geflüchtete Menschen. Es ist eine gemeinsame Einrichtung der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen, der Stadt Koblenz sowie des Landkreises Mayen-Koblenz, der Jobcenter Stadt Koblenz und Mayen-Koblenz, der IHK und HwK Koblenz, des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und des Caritasverbandes Koblenz e.V. Zu den Aufgaben gehören vor allem die Beratung und Unterstützung von Geflüchteten in Fragen der Arbeitsmarktintegration.

Das Lotsenhaus ist aber auch Ansprechpartner für haupt- und ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in der Flüchtlingsarbeit. Es nahm am 1. November 2015 seine Arbeit auf und war damals teilweise in den Räumen der Koblenzer Arbeitsagentur untergebracht. Teams unterschiedlicher Einrichtungen und Behörden konnten sich so effektiv verzahnen und zu hochkarätigen Expertenpools entwickeln. Das zeigte sich spätestens, als im Frühjahr 2022 der Flüchtlingsstrom aus der Ukraine einsetzte. Dank der Hand-in-Hand-Arbeit im Lotsenhaus-Netzwerk waren alle auf die ersten Kriegsflüchtlinge vorbereitet. Das heutige Netzwerk reicht inzwischen weit über die Verbindung der ursprünglichen Lotsenhaus-Gründer hinaus.

Frank Schmidt, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen, sagt: „Es wäre schön, wenn wir wegen der Chancen und Herausforderungen für die Menschen und für die Region mit der Lotsenhaus-Kooperation wieder in einem gemeinsamen Gebäude arbeiten könnten.

Getreu dem Motto „einmal hin, alles erledigt!‘“ Pläne für eine ‚Vision 2.0 in einem Haus‘ gibt es. „Wir haben seit der Grundidee der Jahre 2015 und 2016 viele gute Erfahrungen sammeln können, die uns bestärken, diese Idee weiterzuentwickeln. Auch als Blaupause für andere Regionen.“

Die Kernaufgaben des Lotsenhauses sind:

  • Vermittlung von Informationen zum deutschen Bildungssystem
  • Vermittlung von Informationen zu Ausbildungs- und Arbeitsmarkt
  • Integration in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt
  • Anerkennungsberatung für ausländische Abschlüsse
  • Unterstützung des Ehrenamts
  • Integration der betreuten Menschen durch Erwerb der Sprachkompetenz
  • Integration der betreuten Menschen in die deutsche Gesellschaft

Zuwanderung aus der Ukraine

Der Bezirk der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen umfasst die Landkreise Mayen-Koblenz, Cochem-Zell, Ahrweiler und die kreisfreie Stadt Koblenz. Dort lebten am 31. Dezember 2022 insgesamt 524 305 Menschen.

329 926 waren darunter im erwerbsfähigen Alter (15 bis 65 Jahre). Im Jahresdurchschnitt waren 11 002 Personen arbeitslos.

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 sind bis jetzt im Bezirk der Agentur für Arbeit Koblenz-Mayen 2372 ukrainische Staatsbürger als erwerbsfähig gemeldet und davon 784 als arbeitslos.

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