Oktober 31, 2025 4 min lesen.
Seitdem die Wehrpflicht in Deutschland im Jahr 2011 ausgesetzt wurde, und mit ihr auch der Zivildienst ein Ende fand, gab es zahlreiche Überlegungen, wie man ein Engagement für das Allgemeinwohl ausgestalten könnte. Unter anderem wird auch die Einführung eines Gesellschaftsdienstes diskutiert.
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Neuordnung
Mit der neuen Wehrerfassung und der Überwachung nicht dienender Wehrpflichtiger reagiert Deutschland auf die veränderte sicherheitspolitische Lage. Kann eine parallele Wiedereinführung des Ersatzdienstes dem Sozialstaat zugutekommen?
Rund 55 Jahre nach ihrer Einführung setzte der Bundestag am 24. März 2011 die allgemeine Wehrpflicht aus. Eine Abschaffung der war es nicht, denn die Aussetzung der Wehrpflicht gilt ausschließlich in Friedenszeiten. Im Spannungs- oder Verteidigungsfall kann sie wieder aktiviert werden. Gleichzeitig wurde auch der zivile Wehrersatzdienst auf Eis gelegt. Seit diesem Parlamentsbeschluss befassten sich zahlreiche Gedankenspiele damit, wie gesellschaftliches und soziales Engagement besser gestaltet werden könnte. Dr. Rabea Haß hat sich mit diesem Thema intensiv befasst. Sie ist Co-Autorin zweier Machbarkeitsstudien der Hertie-Stiftung zum Gesellschaftsdienst. Die erste Studie aus dem Jahr 2023 untersucht, wie ein Gesellschaftsdienst zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts beitragen kann. Dabei liegt der Fokus nicht auf der Frage, ob dieser Dienst verpflichtend oder freiwillig sein sollte, sondern darauf, wie er unter den gegebenen Rahmenbedingungen attraktiv gestaltet werden kann. Die Folgestudie aus dem Jahr 2024 betont, dass ein klarer Rahmen, exakt definierte Aufgaben und ein nachhaltiger gesellschaftlicher Mehrwert entscheidend sind, um Akzeptanz für den Gesellschaftsdienst zu schaffen und dann die nächsten Schritte zur Umsetzung zu gehen.
„Für uns steht im Vordergrund: Was ist das Ziel? Was soll mit einem solchen Gesellschaftsdienst eigentlich erreicht werden? Die Bedarfsorientierung ist der entscheidende Faktor. Das erfordert auch neue, flexiblere Dienstformate, Teilzeitmodelle oder hybride Beteiligungen.“
Haß nennt als Beispiel das Schweizer Milizsystem. Es basiert auf dem Prinzip, dass „Bürgerinnen und Bürger in Uniform“ einen Dienst für das Gemeinwohl leisten. „Unsere Lebensentwürfe haben sich weiterentwickelt. Früher war es kaum möglich, Dienst an der Gesellschaft etwa in Teilen oder zeitlich versetzt zu leisten. Heute ist die Wahlfreiheit größer geworden, das System durchlässiger. Die Möglichkeiten sind erheblich vielfältiger.“ Denkbar sind für die Sozialforscherin auch Lebenszeitkonten für gesellschaftliche Dienstleistungen, die Menschen aller Generationen immer wieder den Einstieg in soziale Projekte auch für einen kürzeren Zeitraum ermöglichen. „Ein Engagement in allen Lebensphasen“ nennt Haß diese Idee.
"Junge Menschen wollen sich einbringen, aber sie vermissen oft ein Gefühl der Selbstwirksamkeit, also positive Rückmeldungen und Unterstützung durch vertraute Personen, die ihnen helfen, den Glauben an die eigenen Fähigkeiten zu stärken."
Dr. Rabea Haß, Co-Autorin von Machbarkeitsstudien zum Gesellschaftsdienst
Der Wille, sich für die Gesellschaft und soziale Belange einzusetzen, ist bei Jugendlichen nachweislich vorhanden. Schon jetzt leisten gut zehn Prozent von ihnen in jedem Jahrgang einen Freiwilligendienst. Die aktuelle Shell-Jugendstudie belegt, dass das politische Interesse von Jugendlichen in Deutschland in den letzten Jahren deutlich gestiegen und der Wille, sich gesellschaftlich und sozial zu engagieren, gewachsen ist. Ganz besonders nachgefragt sind Umwelt- und Klimaschutz. „Junge Menschen wollen sich einbringen, aber sie vermissen oft ein Gefühl der Selbstwirksamkeit, also positive Rückmeldungen und Unterstützung durch vertraute Personen, die ihnen helfen, den Glauben an die eigenen Fähigkeiten zu stärken“, sagt Haß.
Skeptisch reagiert sie auf die Überlegung, ob ein Gesellschaftsdienstmodell kurzfristig eine entlastende Wirkung für das Sozialsystem entfalten kann. „Die Einführung eines solchen Dienstes setzt zuerst ein großes Maß man Investitionsbereitschaft voraus. Man wird Geld brauchen für die Anleitung und Begleitung ungelernter Kräfte. Zum Beispiel in der Hospizarbeit. Die Bezahlung der Helferinnen und Helfer muss fair sein, sie müssen versichert werden und sie dürfen nicht das Gefühl bekommen, dass sie mit ihrer Arbeit nur den Mangel auffangen.“
Hoffnungen setzt sie auf einen europäischen Ansatz. Deutschland sei gut beraten, sich intensiv mit den Projekten anderer Länder Europas zu befassen und Bausteine zu übernehmen, die gut funktioniert haben. Das sei gelegentlich etwas mühsam, da für Freiwilligendienste in den einzelnen Ländern sehr unterschiedliche Ministerien, vom Innenresort über Jugend bis Sport, zuständig sind. Dem Blick über die Landesgrenzen hinaus gehört nach ihrer Ansicht die Zukunft. „Die europäische Dimension von Anfang an mitzudenken, wäre wirklich sinnvoll.“
Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ)
FSJler helfen freiwillig in einer sozialen Einrichtung mit, zum Beispiel in Kindertagesstätten, Sport- oder Kulturvereinen oder Krankenhäusern. Dauert das Engagement mindestens sechs Monate, wird es mit einer Bescheinigung anerkannt. Freiwillige erhalten für ihr Engagement ein Taschengeld, zum Teil Unterkunft und Verpflegung oder Geld für eine gesetzliche Versicherung.
Das Freiwillige ökologische Jahr (FÖJ)
Das FÖJ/ÖBFD ist ein Dienst für junge Menschen, die sich ein Jahr lang im Natur- und Umweltschutz, für Tiere, in der Umweltbildung, in der ökologischen Landwirtschaft oder in der nachhaltigen Entwicklung engagieren möchten. Die Teilnehmenden müssen unter 27 Jahren alt sein, erhalten während ihres FÖJ ein monatliches Taschengeld, einen monatlichen Zuschuss zur Unterkunft, Verpflegung, Fahrtkosten und sind sozialversichert.
Der Freiwilligendienst Weltwärts
Weltwärts ist ein geförderter, einjähriger Freiwilligendienst im Ausland, der junge Menschen in und aus Deutschland, Asien, Afrika, Lateinamerika, Ozeanien und Osteuropa zusammenbringt. Maximal 75 Prozent der Kosten werden vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) getragen. Die übrigen 25 Prozent trägt die Entsendeorganisation.
Der Bundesfreiwilligendienst (BFD)
Einen BFD können Frauen und Männer jeden Alters machen, die sich außerhalb von Beruf und Schule für soziale, kulturelle, ökologische oder andere gemeinwohlorientierte Einrichtungen engagieren möchten. Dafür bekommen sie ein Taschengeld und sind automatisch gesetzlich renten-, unfall-, kranken-, pflege- und arbeitslosenversichert.
Europäischer Solidaritätskorps (ESK)
Der ESK ist ein Freiwilligendienst der Europäischen Union. Er soll beispielsweise bei Großschadenslagen wie Erdbeben in europäischen Ländern helfen, aber auch bei längerfristigen Projekten in der Flüchtlingshilfe oder im Umweltschutz. Die Kosten für Unterkunft, Verpflegung, Taschengeld und Versicherung sowie einen Sprachkurs werden komplett übernommen.

Dr. Rabea Haß ist Co-Autorin der Machbarkeitsstudien "Ein Gesellschaftsdienst für alle", die 2023 und 2024 im Auftrag der Hertie-Stiftung erschienen. Sie hat am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main zum freiwilligen Wehrdienst promoviert. Zudem hat sie von 2011 bis 2014 an der Hertie School of Governance zu nationalen und internationalen Freiwilligendiensten geforscht.
Die Hertie-Stiftung hat seit ihrer Gründung 1974 mehr als 600 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke eingesetzt. Sie fördert Menschen und Projekte im Rahmen ihrer Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Stiftung wurde von Georg Karg, Inhaber der Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH, gegründet und ist heute eine der größten weltanschaulich unabhängigen und unternehmerisch ungebundenen Stiftungen in Deutschland. Der Name Hertie geht zurück auf Hermann Tietz, Mitbegründer des gleichnamigen Warenhauskonzerns zum Ende des 19. Jahrhunderts.
Weitere Informationen: www.ghst.de
Redakteur
Hans-Rolf Goebel ist seit 2018 als Freier Autor für die WIRTSCHAFT tätig. Der gelernte Journalist verantwortet die Beiträge für das Topthema als Aufmacher der Zeitung und für das Dossier.
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