Oktober 31, 2025 6 min lesen.
Interview
Die Europäische Union hat die weltweit erste umfassende Regulierung für den Einsatz künstlicher Intelligenz auf den Weg gebracht.Ziel ist es, Transparenz zu schaffen, Risiken zu begrenzen und Vertrauen in die neue Technologie zu fördern.
Doch was aus Sicht der Politik als Schutz- und Ordnungsrahmen gedacht ist, sorgt in der Wirtschaft für wachsende Skepsis.
Von Petra Dettmer
Gerade kleine und mittlere Unternehmen sehen sich vor einer kaum zu bewältigenden Fülle an Dokumentationspflichten, Prüfverfahren und unklaren Rechtsbegriffen. Während in den USA und China die Innovationsfreude dominiert, fürchten viele Unternehmer in Europa, dass sie durch den hohen bürokratischen Aufwand ins Hintertreffen geraten.
Die WIRTSCHAFT sprach mit Karl-Heinz Förderer, Geschäftsführer und Firmengründer von PSI Technics in Winningen. Das Kompetenzzentrum für Digitalisierung und Automatisierung industrieller Prozesse hat sich mit dem EU AI Act intensiv auseinandergesetzt.
Der EU AI Act wird oft als Chance verkauft, aber ich nenne ihn bewusst Hürde. Es fällt auch immer wieder das Schlagwort „wettbewerbssteigernd“. Doch das sehe ich nicht so. Der AI Act steigert nicht die Wettbewerbsfähigkeit. Er zwingt uns vielmehr, Strukturen aufzubauen, die enormen bürokratischen Aufwand mit sich bringen. Wir reden von Prüfungsverfahren, von Schulungen, von rechtlichen Bewertungen, für die es heute noch gar keine Rechtsprechung gibt. Die Risikoklassifizierung verwendeter KI ist ein Kernpunkt des AI Acts. Doch was eine risikoreiche KI ist oder nicht – das ist im Moment teilweise völlig unklar.
Fakt ist: Wir bekommen eine Vielzahl an Regularien, die wir prüfen und dokumentieren müssen. Es gibt Hunderte von Regelungen, die unterschiedlich ausgelegt werden können. Ob eine KI risikoreich ist oder nicht, hängt von der Interpretation ab, und aus welchen Perspektiven man sie betrachtet. Für Unternehmen bedeutet dies aber Unsicherheit. Und Unsicherheit bremst Innovation. Wenn ich innovativ sein will, brauche ich Freiräume. Der EU AI Act setzt uns aber klare Leitplanken, innerhalb derer wir uns bewegen müssen – ohne Möglichkeit, darüber hinauszudenken.
Ja, eindeutig. In den USA oder China werden Unternehmen ermutigt, innovativ zu sein. Dort gibt es keine vergleichbaren Regulierungen. Man bekommt dort viel mehr Power auf die Schiene, wie ich es nenne. Hier dagegen entsteht der Eindruck: Falls gegen Vorschriften verstoßen wird, droht man mit Strafen mit bis zu sieben Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
Wenn wir modern bleiben möchten, dann müssen wir auch die Möglichkeit haben, im gleichen Rahmen wie außereuropäische Länder eine Wettbewerbsfähigkeit aufzubauen. Wir greifen stattdessen auf Produkte aus den USA zurück – OpenAI zum Beispiel. Unsere Wettbewerbsfähigkeit besteht dann nur noch darin, Fremdprodukte einzusetzen.
Der Grundgedanke ist richtig: Man will durch Qualität Vertrauen schaffen. Aber man muss sich fragen, wie der Rest der Welt damit umgeht. Wenn wir uns selbst immer strengere Regeln auferlegen, während andere Länder frei entwickeln, verlieren wir den Anschluss. Ich würde mir mehr Offenheit wünschen, die Möglichkeit, auch einmal etwas auszuprobieren. Nur so können wir Chancen frühzeitig erkennen und international mithalten. Aber anstatt sich auf neue Produkte oder Dienstleistungen zu konzentrieren, beschäftigen wir uns damit, die Compliance im Blick zu halten.
Wir haben den Bot mit etwa 400 konkreten Pflichten, Verboten oder Anforderungen aus dem AI Act und zusätzlich dem Data Act gefüttert. Unternehmen können ihm nun ihr Vorhaben schildern und er sortiert alles vor. Der Bot zeigt, in welche Risikoklasse ein Projekt höchstwahrscheinlich fällt und wo Vorgaben verletzt werden. Er weist auf fehlende Angaben hin, auf widersprüchliche Dokumentationen oder Verstöße. Nach einem ersten Test waren wir überrascht, wie viele Anforderungen tatsächlich umgesetzt werden müssen, bevor man die Compliance erfüllt. Diese Bots können vor allem kleine und mittlere Unternehmen unterstützen.
Genau. Es geht auch um bereits vorhandene KI-Systeme im regulierten Anwendungsbereich. Wo werden sie gehostet – in der Cloud, On-Premise oder als Enterprise-Lösung? Welche Daten nutze ich, wie setze ich sie ein? All das muss bewertet und dokumentiert werden. Gerade kleine Unternehmen sind damit überfordert. Ohne spezialisierte Unterstützung ist das kaum zu stemmen.
Genau das ist ein Problem. KI entwickelt sich dramatisch schnell. Was heute als moderne Lösung gilt, ist in wenigen Wochen überholt. Wenn ich von Zukunft rede, dann spreche ich von sieben bis acht Monaten. Neue Features, neue Parameter – und jedes Mal muss man neu bewerten, ob man noch konform ist. Während die Technik sprintet, bewegt sich die Regulierung im Schneckentempo – oder bremst sogar aktiv.
In der Praxis setzen Unternehmen sehr unterschiedliche KI-Strukturen ein. Ein LLM wie ChatGPT, ein Agent, der selbständig Aufgaben übernimmt oder Schnittstellen zur Datenübertragung – all das muss bewertet werden. Welche Hochrisiko-KI setze ich ein? Welche Fähigkeiten darf ein Agent haben, welche nicht? Jeder einzelne Baustein fällt unter die Vorschriften des AI Acts. Das zeigt, wie komplex das Ganze ist.
Natürlich überprüfen auch wir uns selbst. Und wie jeder andere auch, müssen wir nachbessern. Die Vorschriften sind sehr umfangreich. Keiner kann heute sicher sagen, was als hohes Risiko gilt und was nicht. Das wird sich erst durch Rechtsprechungen zeigen. Bis dahin bewegen wir uns in einem Graubereich.
ist Geschäftsführer und Firmengründer von PSI Technics, Kompetenzzentrum für Digitalisierung und Automatisierung industrieller Prozesse in Winningen. Er informiert im Interview über die Folgen des EU AI Acts für mittelständische Unternehmen.

Foto: Kai Myller
Die WIRTSCHAFT sprach mit Dr. Katarina Barley, Mitglied und Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments. Ihre Stellungnahme:
„Mit dem KI-Gesetz schafft die EU einheitliche Regeln für ganz Europa, so müssen sich Unternehmen nicht mehr an 28 unterschiedliche nationale EU-Gesetze halten, das schafft Erleichterung für Unternehmen. Das KI-Gesetz klärt die Verantwortlichkeiten zwischen KI-Anbietern und KI-Anwendern. Dies ist entscheidend, um Vertrauen und Klarheit im KI-Sektor zu gewährleisten.
Darüber hinaus schafft das KI-Gesetz in jedem Mitgliedstaat sogenannte ‚regulatorische Sandboxes‘. Diese Innovationsräume unterstützen Start-ups und kleine und mittlere Unternehmen (KMU) dabei, KI-Systeme zu entwickeln, die mit der Verordnung konform sind, und bieten zugleich die Möglichkeit, wertvolle Erkenntnisse aus deren Erfahrungen zu gewinnen.
KI birgt neben den großen Chancen auch viel Gefährdungspotenzial für alle Menschen. Das KI-Gesetz stellt deshalb sicher, dass KI-Systeme mit hohem Risiko nicht Gesundheit, Sicherheit oder Grundrechte der Menschen verletzen. Darüber hinaus sollen Bürgerinnen und Bürger Entscheidungen einer Hochrisiko-KI überprüfen lassen können, etwa in den Bereichen Gesundheitswesen, Kreditvergabe oder Bildung. Niemand sollte einem Bot ausgeliefert sein, ohne dessen ‚Entscheidung‘ überprüfen lassen zu können – beispielsweise bei der Vergabe eines Kredits. Zudem gibt es ein Beschwerdesystem, das Verbraucherinnen und Verbrauchern ermöglicht, Probleme zu melden.
Die Umsetzung des KI-Gesetzes ist durchaus eine Herausforderung. Es wird im nächsten Jahr vom Gesetzgeber überprüft werden, mit dem Ziel, die Regeln zu vereinfachen und Doppelungen zu vermeiden. Dabei dürfen jedoch keine wichtigen Schutzvorschriften verloren gehen.“

Foto: Petra Dettmer
GEGRÜNDET: 2005
GRÜNDER UND INHABER: Karl-Heinz Förderer
STANDORT: Winningen
KERNKOMPETENZ: Ganzheitliche Enterprise-Lösungen für Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Digitalisierung von industriellen Prozessen, öffentlichen Diensten und Verwaltungen zur nachhaltigen Steigerung von Qualität, Effizienz und Transparenz.
MITARBEITENDE: 21
WEITERE INFORMATIONEN: psi-technics.com
Auf den ersten Blick wirkt der AI Act wie eine weitere bürokratische Hürde. Doch bei genauerem Hinsehen eröffnet er auch neue Möglichkeiten. Unternehmen, die frühzeitig gesetzliche Vorgaben einhalten, können das Vertrauen von Kundschaft, Geschäftspartnern und Mitarbeitenden stärken. Zudem führen klar definierte Prozesse häufig zu einer strukturierteren Datenstrategie und verbessern die Qualität der verwendeten KI-Modelle.
Um optimal vorbereitet zu sein, sollten Unternehmen und Organisationen bereits jetzt folgende Schritte einleiten:
Quelle: artificialintelligenceact.eu
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