Leben & Arbeiten | Eine Frage der Generation?

Juni 30, 2023 6 min lesen.

Führungsposition, berufliche Karriere. Alles eine Frage der Generation?

Die Generationen Y und Z sind nicht mehr so leicht für Führungspositionen zu begeistern. Ihnen wird nachgesagt, auf eine berufliche Karriere nicht mehr so viel Wert zu legen.

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Karriere Verantwortung übernehmen, das möchten die jüngeren Jahrgänge ungern, heißt es. Über die Probleme und Besonderheiten, die Millennials in Führungspositionen haben, sprach WIRTSCHAFT mit einem Coach und mit zwei Führungskräften, die diesen Schritt vor nicht allzu langer Zeit gewagt haben.

Von Julia Heger

Führung zu übernehmen, heißt auch mehr Verantwortung, Arbeit und Organisation. Ist eine Führungsrolle noch das, was die jüngeren Generationen, also beispielsweise die Generation Y, auch Millennials genannt, wollen? Gemeint sind die heute Ende-20- bis Anfang-40-Jährigen, die in der Arbeitswelt angekommen sind und ihre ersten Führungsrollen ergattern können. Dass dabei Generationen aufeinanderprallen, die verschiedene Vorstellungen von der Arbeitswelt und von Arbeitsmodellen haben, bringt Sprengstoff in die Situation. Das weiß Armin Reusch, Inhaber und Leiter der Leaders Academy Koblenz-Tier: „Die Arbeitswelten haben sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren stark verändert.“ Durch Corona ist die Digitalisierung stark vorangetrieben worden, was Unternehmen teilweise dazu gezwungen habe, dezentraler zu arbeiten, wodurch sie gleichzeitig aber auch attraktiver für viele jüngere Arbeitnehmende geworden seien, sagt Reusch. „Mit den Millennials ist eine Generation im Arbeitsmarkt, die sich zwar ein stückweit angepasst haben, aber merken, dass sie so wie ihre Eltern oder Großeltern nicht weiterarbeiten möchten.“ Besonders das 40-Stundenarbeitsmodell stößt bei vielen Millennials auf.

Mit diesen Impulsen treffen sie auf Menschen, die teilweise 30, 40 Jahre beim selben Arbeitgeber 40 Stunden gearbeitet haben und noch arbeiten. „Da prallen mehr oder minder Ideologien aufeinander und das führt in der Folge zu Konflikten und zu Anpassungsbedarf beziehungsweise Kompromissen in den Unternehmen“, erklärt Reusch. Das Problem auf Unternehmerseite sei, dass dieser Veränderungsdruck nicht aus der Idee heraus entstand, sich anders aufstellen zu wollen, sondern aus einer Notwenigkeit heraus, da Unternehmen keine Fachkräfte gewännen.

Nicklas May ist Teamleiter bei der Beinbrech GmbH und Co. KG am Standort Mainz.

Nicklas May ist Teamleiter am Standort Mainz bei der Beinbrech GmbH und Co. KG. Dort leitet er seit Dezember 2022 ein Team von sieben Personen. May gehört mit seinen 28 Jahren der Generation Y beziehungsweise den Millennials an.

Foto: privat

Doch wie empfindet ein Millennial die Situation, eine Führungsrolle zu übernehmen? Nicklas May ist 28 Jahre alt und hat im Dezember 2022 eine Teamleiterfunktion bei Beinbrech am Standort Mainz angenommen. Er machte den Ausbilderschein und hatte dann einige Auszubildende unter sich. „Als ich meinem Chef sagte, ich würde den Standort wechseln wollen, da Mainz näher an meiner Heimat liegt als Bad Sobernheim, kam die Rückfrage, ob ich mir vorstellen könnte, ein Team dort zu leiten“, erzählt May. Nach diversen Rücksprachen mit seinem damaligen Niederlassungsleiter und der Geschäftsführung stand die Entscheidung fest, die Stelle mit der Personalverantwortung für sieben Mitarbeitende anzunehmen.

Sarah Schommer ist ebenfalls 28 Jahre alt und seit 2020 Geschäftsführerin bei der Unternehmensberatung und Werbeagentur Henzgen und Schommer. Zuvor hatte sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei der Birkenstock GmbH und Co. KG gemacht und im Jahr 2017 – als sich abzeichnete, dass sie eine Führungsposition übernehmen könnte – noch ein BWL-Studium absolviert. „Bereits während meiner Schul- und Semesterferien habe ich hier regelmäßig in verschiedenen Aufgabengebieten unterstützt. Die praktische Phase des Studiums habe ich genutzt, um einen tieferen Einblick in das Alltagsgeschäft der Werbeagentur zu erlangen“, erzählt Schommer. Im Jahr 2020 hatte sich der bisherige Geschäftsführer der Werbeagentur Henzgen und Schommer media GmbH entschlossen, neue Wege zu gehen, sodass Schommer im April 2020 die Position als Geschäftsführerin übernahm. „Ich war von da an nicht mehr ‚nur‘ für Erfolge einzelner Projekte zuständig, sondern für den Unternehmenserfolg“, beschreibt die 28-Jährige die Veränderung ihrer Verantwortung. In dem siebenköpfigen Team, das sie nun führte, war sie die Jüngste. „Ich habe mir sicherlich die Frage gestellt, ob mich die Kollegen und Kolleginnen überhaupt ernst nehmen. Das war entgegen meinen Erwartungen aber gar kein Problem, alle waren offen für die neue Situation und haben mich in meiner neuen Rolle als Führungskraft unterstützt“, erzählt die junge Geschäftsführerin.

Sarah Schommer Millenial und seit 2020 Geschäftsführerin der Henzgen und Schommer Media GmbH.

Sarah Schommer zählt mit ihren 28 Jahren ebenfalls zu der Generation der Millennials. Sie ist seit dem Jahr 2020 Geschäftsführerin der Henzgen und Schommer Media GmbH mit Sitz in Andernach. Zuvor absolvierte sie ein BWL-Studium an der Hochschule Koblenz und eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei der Birkenstock GmbH & Co KG. Bereits während Schulzeit und Studium hat sie in der Unternehmensberatung und Werbeagentur Henzgen und Schommer verschiedene Aufgabengebiete unterstützt.

Foto: privat

Schommer verbrachte viel Zeit mit dem ausscheidenden Geschäftsführer, zusammen hielten sie alle Aufgabengebiete detailliert und schriftlich fest, priorisierten anschließend die Wichtigkeit und arbeiteten diese ab. „Ich habe mit dem alten Geschäftsführer zusammen viele Kunden- und Mitarbeitergespräche geführt und operative Tätigkeiten wie die Aufgabenverteilung im Team abgewickelt“, erinnert sie sich an die Übergabe. Zudem habe sie sich im Herbst 2022 dazu entschieden, ein Führungskräftetraining mit einjähriger Dauer bei der Leaders Academy zu machen, und wird dementsprechend aktuell von Herrn Reusch betreut.

Befragt nach den bislang größten Konflikten nennt Schommer kein Beispiel aus der Personalverantwortung, sondern die Corona-Krise. „Pünktlich zum Einstieg in die Führungsposition kam die Corona-Krise, und das Alltagsgeschäft wurde von gestrichenen Marketingbudgets und stornierten Aufträgen geprägt. So kannten wir das vorher natürlich nicht“, beschreibt Schommer ihren Einstieg. 

Nicklas May hatte keine jahrelange Vorbereitung auf seine neue Position, dennoch sei sein Einstieg gut geglückt: „Ich habe immer Lust auf neue Aufgaben und auch darauf, selbst daran zu wachsen.“ Er sei deshalb sehr offen an die Sache rangegangen.

„Mir war aber auch bewusst, dass ich dann Mitarbeiterverantwortung habe und mich darauf vorbereiten muss.“ Vor allem Gespräche standen auf dem Plan, wie es auch Reusch empfiehlt. „Ich hatte Gespräche und Termine mit dem Geschäftsführer, mit der Personalentwicklung und mit anderen Führungspersönlichkeiten im Unternehmen“, beschreibt May. Dadurch habe er einen guten Eindruck von der Niederlassungsstelle und den Leuten bekommen. Auch dem Team hatte sich May im Vorhinein vorstellen können. „Mir kommt hier meine offene Art zugute“, erklärt er. 

Menschen auf einem Zebrastreifen. Generation Z und Millenials als Digital Natives, Baby-Boomer als Arbeitstiere - jede Generation ist anders.

Jede Generation bringt ihre Besonderheiten und Eigenschaften mit. Im Gegensatz zu den Baby-Boomern und der Generation X sind beispielsweise die Millennials, oder auch Generation Y, Digital Natives. Das heißt, sie sind die erste Generation, die mit der digitalen Welt aufgewachsen ist.

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Er hält die Hierarchien flach. „Mir ist es wichtig, mich nicht über alle anderen zu stellen. Ich möchte, dass meine Mitarbeiter sehen, ich packe im Lager mit an, bringe auch mal den Müll raus oder fülle die Kaffeemaschine auf“, sagt May. Doch es komme auf die richtige Mischung an. „Mir ist es wichtig, dass wir auf Augenhöhe sind. Es ist das Schöne am Team hier, dass jeder genau weiß, man kann viel Quatsch miteinander machen, locker miteinander umgehen. Aber in den richtigen Momenten, also sobald es ernst wird, werde ich auch ernst genommen.“ Es müsse der richtige Mix sein aus Kollegialität und Respekt, ist seine Erfahrung.

Das Team, das May führt, besteht aus Personen, die alle in einem ähnlichen Alter wie er sind, nämlich um die 30 Jahre. Doch May betont, dass es mehr auf den Charakter eines Menschen ankomme als auf das Alter. „Die Schlüsselkompetenz ist, Charaktere lesen und auf sie eingehen zu können.“ Neben einem fairen und respektvollen Umgang mit den Mitarbeitenden, egal welcher Generation sie angehören, sei eine klare Kommunikation mit das Wichtigste.

Armin Reusch Spezialist in der Schulung von Führungskräften

Armin Reusch ist Leiter und Inhaber der Leaders Academy Koblenz-Trier. Er gehört der Generation X an und leitet seit Januar 2018 Trainings für Führungskräfte, Selbstständige und Unternehmer. Zuvor war er als Manager Netze und Strukturen für einen Pharmakonzern tätig.

Foto: Armin Reusch

Nachgefragt: Zum Training von Armin Reusch

Armin Reusch begleitet als Trainer Führungskräfte ein Jahr lang. Jeden Monat trifft er sich mit ihnen für einen halben Tag.

Es werden Themen wie Kommunikation (Wie führe ich auch mal ein schwieriges Mitarbeitergespräch?), Organisation (Wie finde und binde ich gute Mitarbeiter?) sowie Persönlichkeitsentwicklung (Wie führe ich mich selbst?) bearbeitet.

Oft kämen Millennials aus einer Fachrolle in eine Führungsrolle. Nimmt die junge Führungskraft diese Rolle an, steht oftmals eine Identitätsfrage an und damit die Frage: Wie verhalte ich mich, wenn ich auf einmal ein Team führen darf, von dem ich vorher Bestandteil war? Es sei ein anderes Arbeiten: „Aufgaben delegieren, erkennen, dass, wenn ich immer nur als sympathisch wahrgenommen werden möchte, ich dafür einen Preis zahle“, unterstreicht Reusch.

Die jungen Führungskräfte müssen sich durchsetzen und Entscheidungen treffen, die womöglich unpopulär sind. Kommunikation ist einer der wichtigsten Schlüsselkompetenzen, die Führungskräfte generell benötigen. „Ich kann mich entscheiden, nur das Nötigste zu vermitteln oder transparent zu führen und die Beweggründe meiner Entscheidungen auch transparent zu machen. Dann werde ich ganz andere Ergebnisse in der Zusammenarbeit erzielen und mir auch den Respekt meiner teilweise doppelt so alten Mitarbeitenden erarbeiten“, erklärt Reusch. Er empfiehlt neuen Führungskräften, mit den Mitarbeitenden einzelne Gesprächstermine zu vereinbaren: „Such dir den vermeintlich Ranghöchsten in einem Team aus und vereinbare Gesprächstermine, noch bevor du in dieser Rolle operativ tätig wirst. Kläre auch die Themen, die du hast, deine Herausforderungen, die Gedanken, die du dir machst und kläre das Zwischenverhältnis – also wie geht es dem Mitarbeiter jetzt damit, dass ich jetzt neu in dieser Rolle bin? Wie stelle ich mir unsere Zusammenarbeit vor?“

Ein Wegweiser mit verschiedenen Generationen als Schilder.
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