Sicherheit aus der Luft

Oktober 30, 2026 6 min lesen.

Sicherheit aus der Luft

Foto: 9parusnikov/stock.adobe.com

Überwachung
Drohnen können wertvolle Informationen liefern – gleichzeitig aber auch selbst zur Bedrohung werden. Ihr Einsatzspektrum reicht inzwischen von der Überwachung schwer zugänglicher Industrieanlagen und der Brandfrüherkennung bis zur Abwehr unautorisierter Fluggeräte und zu militärischen Anwendungen. Für Rheinland-Pfalz ergeben sich daraus nicht nur neue Sicherheitsfragen, sondern auch neue Chancen.

Die Rolle von Drohnen verändert sich. Sie können nicht nur Luftaufnahmen anfertigen, vermessen oder inspizieren. In Sicherheitskonzepten können unbemannte Systeme zu mobilen Augen und Sensoren werden, die große Flächen überwachen, Gefahren erkennen oder Einsatzkräften ein Lagebild liefern. Gleichzeitig wächst mit der Verbreitung der Technik die Gefahr, dass Drohnen für Spionage, Sabotage oder Angriffe genutzt werden. Sicherheit durch Drohnen und Sicherheit vor Drohnen werden damit zu zwei Seiten derselben technologischen Entwicklung.

Wie breit die Möglichkeiten sind, zeigt etwa der Einsatz in Industrieanlagen. Dort können Drohnen stationäre Kamera- und Sensorsysteme ergänzen. Der Videosystemhersteller Mobotix AG in Winnweiler (Donnersbergkreis in Rheinland-Pfalz) sieht insbesondere in der Kombination beider Technologien Potenzial: „Stationäre Kameras und Drohnen ergänzen sich sehr gut, wenn sie richtig in ein Sicherheitskonzept eingebunden werden“, erklärt Chief Sales Marketing Officer Aleksandar Smiljanic. „Während fest installierte Systeme permanent definierte Bereiche sichern, Ereignisse erkennen und Alarme auslösen können, sind Drohnen flexibel. Sie können schwer zugängliche Bereiche, große Freiflächen, Dächer, Leitungen, Werksgrenzen oder unübersichtliche Geländeabschnitte schnell überprüfen.“

Interessant wird diese Kombination vor allem dann, wenn die Systeme miteinander kommunizieren. Erkennt eine stationäre Kamera beispielsweise eine ungewöhnliche Wärmeentwicklung, eine Bewegung in einem Sperrbereich oder Veränderungen an einer Anlage, könnte anschließend eine Drohne gezielt zusätzliche Informationen liefern. „Das verbessert die Entscheidungsgrundlage, bevor Menschen in möglicherweise gefährliche Bereiche geschickt werden“, erläutert Smiljanic. Drohnen seien dabei allerdings kein Ersatz für die stationäre Sicherheitsinfrastruktur, sondern eine Ergänzung. „Entscheidend ist, dass Sensorik, Datenanalyse, Alarmmanagement und Cybersecurity sauber miteinander verbunden sind.“

Gerade bei der Brandprävention können Sensoren eine wichtige Rolle spielen. Thermalkameras erkennen dabei nicht die Flammen selbst, sondern Temperaturentwicklungen. Während ein klassischer Rauchmelder erst reagiert, wenn bereits Rauchpartikel entstanden sind, misst Thermaltechnologie kontinuierlich die Temperatur in festgelegten Bereichen. Kritische Erwärmungen können dadurch schon erkannt werden, bevor offene Flammen oder eine starke Rauchentwicklung auftreten.

Das kann beispielsweise relevant werden, wenn sich Lagergut, Maschinen, Schaltschränke, Batterien oder Materialhaufen ungewöhnlich erwärmen. „Für Betriebe bedeutet das: Es geht nicht nur um Alarmierung im Brandfall, sondern um präventives Risikomanagement“, sagt Smiljanic. Geeignet sei die Technologie unter anderem für Recycling- und Entsorgungsbetriebe, für die Holz-, Papier- und Kunststoffverarbeitung, Logistikzentren, Batterielager, Produktionsanlagen sowie Energie- und Versorgungsinfrastruktur.

Dennoch hat die Technik auch Grenzen. „Eine Thermalkamera ersetzt kein vollständiges Brandschutzkonzept“, betont Smiljanic. Thermische Signaturen können verdeckt sein, Hindernisse die Sichtlinie blockieren und komplexe Umgebungsbedingungen eine genaue Planung notwendig machen.

Das gilt auch für einen möglichen Einsatz bei Waldbränden. Intelligente Thermal- und Videosensorik kann Temperaturentwicklungen, Rauch, Bewegungen oder andere ungewöhnliche Ereignisse erkennen. Im freien Gelände sind die Bedingungen allerdings erheblich komplexer als in einer Industrieanlage. Geländeform, Vegetation, Wetter, Wind und große Entfernungen müssen berücksichtigt werden. Mobotix sieht deshalb Potenzial vor allem in hybriden Konzepten aus stationären Sensoren an strategischen Punkten, ergänzt durch mobile Lageerkundung, intelligente Analyse und klare Alarmketten. Einsatzkräften können so schnellere und bessere Informationen zur Verfügung gestellt werden. „Je schneller eine kritische Entwicklung erkannt und eingeordnet wird, desto größer ist die Chance, Schäden zu begrenzen.“

Mit der stärkeren Vernetzung der Systeme rückt zugleich die Cybersicherheit in den Fokus. „Eine moderne Sicherheitskamera ist heute ein intelligenter Netzwerksensor, der Daten verarbeitet, mit IT-Systemen kommuniziert und teilweise in kritische Betriebsprozesse eingebunden ist“, weiß Smiljanic. Sicherheitslösungen könnten deshalb selbst zum Einfallstor für Angriffe werden. Mobotix setzt auf „Cybersecurity by Design“: Sicherheit soll bereits bei Architektur, Entwicklung, Produktion, Betrieb und Updatefähigkeit berücksichtigt werden. Dazu gehören unter anderem verschlüsselte Kommunikation, sichere Authentifizierung, Zugriffskontrollen, Netzwerksegmentierung und regelmäßige Sicherheitsupdates.

Dass die zunehmende Verbreitung von Drohnen gleichzeitig neue Risiken schafft, erfährt auch das Unternehmen Aaronia AG aus Strickscheid in der Eifel. Es hat sich auf Mess-, Ortungs- und Überwachungstechnik spezialisiert und ist Hersteller des Drohnenerkennungssystem Aartos.  Weltweit sind laut Unternehmen inzwischen mehr als 850 Systeme im Einsatz – von festen Installationen an Flughäfen und anderen kritischen Infrastrukturen über Großveranstaltungen bis hin zum militärischen Bereich. Mit entsprechenden Komponenten können unautorisierte Drohnen zudem abgewehrt werden, soweit dies rechtlich zulässig ist.

Den Handlungsbedarf schätzt Stephan Kraschansky, Chief Defense and Government Solutions Officer deutlich ein: „Die Bedrohung ist real. Bereits einzelne Drohnen können sensible Anlagen ausspähen oder den Betrieb eines Flughafens erheblich beeinträchtigen. Die möglichen Folgen reichen von wirtschaftlichen Schäden bis zur Gefährdung von Menschen.“ Dass Betreiber kritischer Infrastruktur den Schutz vor solchen Risiken zunehmend ernst nähmen, zeige sich an der gestiegenen Nachfrage nach entsprechenden Systemen.

Technisch basiert die Erkennung zunächst auf Funkdetektion. Das System erkennt und peilt Funksignale von Drohnen und Fernsteuerungen. Abhängig von Drohnentyp und Ausstattung können beispielsweise Position, Geschwindigkeit, Flughöhe, Standort des Piloten und Seriennummer ermittelt werden. Radar kann zusätzlich Position und Flugbahn unabhängig vom Funksignal erfassen, Kameras ermöglichen eine optische Überprüfung. Die Software führt die verschiedenen Sensordaten anschließend zusammen. „Flugverhalten, Kurs und die Annäherung an eine Schutzzone helfen dabei, Risiken einzuschätzen“, so Kraschansky. “Ob tatsächlich eine Gefahr vorliegt, entscheiden letztlich die zuständigen Verantwortlichen anhand des gesamten Lagebildes.“

Eine besondere Herausforderung sind Drohnenschwärme. Koordinierte Angriffe mit mehreren Fluggeräten seien technisch bereits möglich und müssten deshalb auch beim Schutz ziviler Infrastruktur berücksichtigt werden, erklärt Kraschansky. Das konkrete Risiko sei allerdings abhängig von Standort und Bedrohungslage. Das Aartos-System sei darauf ausgelegt, eine große Zahl funkaktiver Drohnen gleichzeitig zu erkennen und zu verfolgen. Einschränkungen gibt es aber auch hier: „Drohnen ohne erfassbare Funkaussendungen lassen sich mit reiner Funkdetektion nicht erkennen. In solchen Fällen müssen Radar und Kameras die Erfassung ergänzen.“ Entscheidend sei ein Schutzkonzept, das unterschiedliche Szenarien abdeckt.

Dabei verschwimmen die Linien zwischen zivilen und militärischen Anwendungen zunehmend. Aaronia rechnet damit, dass sich der Markt in den kommenden fünf bis zehn Jahren stark weiterentwickeln wird, unter anderem durch KI-gestützte Auswertung von Sensordaten. Trotz der wachsenden Bedeutung militärischer Anwendungen bleibe der zivile Schutz eine zentrale Aufgabe. Die Systeme würden Flughäfen und Großveranstaltungen ebenso schützen wie militärische Liegenschaften und kämen auch auf dem Gefechtsfeld zum Einsatz. „Technologische Fortschritte können beiden Bereichen zugutekommen. Entscheidend ist, die Systeme auf den jeweiligen Schutzbedarf abzustimmen“, sagt der Chief Defense Officer.

Diese Verbindung ziviler und militärischer Technologien beschäftigt auch den SVI-Hub Rheinland-Pfalz. Die Initiative des Ministeriums für Wirtschaft, Tourismus, Energie und Klima wurde Anfang 2026 gegründet und hat sich nach Angaben des Ministeriums innerhalb weniger Monate von rund 30 auf mittlerweile 60 Partner vergrößert. Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Wirtschaftsverbände und weitere Organisationen sollen dort Erfahrungen austauschen, Kontakte knüpfen und gemeinsam neue Lösungen entwickeln.

Gerade die technologische Vielfalt betrachtet der Hub als Stärke. Moderne Technologien wie Drohnensysteme sollen mit industriellen Partnern zusammengebracht und damit eine Brücke zu skalierbaren Produktionskapazitäten geschaffen werden. „Drohnen und andere unbemannte Systeme können sowohl für militärische als auch für zivile Sicherheitsanwendungen relevant sein“, erklärt Sarah Heil, Pressesprecherin des Ministeriums im Auftrag des SVI-Hub. Entscheidend sei jedoch nicht die einzelne Technologie, sondern das Zusammenspiel unterschiedlicher Kompetenzen – beispielsweise aus Sensorik, Informations- und Kommunikationstechnologie, Künstlicher Intelligenz, Elektronik und industrieller Fertigung. „Gerade hier verfügt Rheinland-Pfalz über eine breite industrielle und wissenschaftliche Basis.“

Der Hub will deshalb nicht nur etablierte Unternehmen aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie zusammenbringen. Auch Firmen, die bislang wenig oder gar nicht in diesem Markt aktiv sind, sollen einbezogen werden. Kompetenzen aus Fahrzeug- und Maschinenbau, Metall- und Elektrotechnik sowie Informations- und Kommunikationstechnologien könnten für neue sicherheitsrelevante Anwendungen genutzt werden. „Das Netzwerk will die gesamte Breite der industriellen Wertschöpfungsketten in den Blick nehmen und insbesondere auch den Mittelstand einbinden“, so die Pressesprecherin.

Dass sich daraus auch neue wirtschaftliche Perspektiven ergeben können, liegt auf der Hand. Aufgabe des SVI-Hub ist es, vorhandene Kompetenzen sichtbar zu machen, Unternehmen, Forschung, Mittelstand und Start-ups mit Anwendern und Beschaffungsakteuren zusammenzubringen sowie Wissens- und Technologietransfer zu fördern. Innovationen sollen dadurch schneller in die praktische Anwendung gelangen. Beim Forum Sicherheits- und Verteidigungsindustrie im September kamen nach Angaben des Ministeriums rund 300 Teilnehmende aus Industrie, Mittelstand, Start-ups, Bundeswehr, Wissenschaft, Forschung, Verbänden, Politik und Verwaltung zusammen.

Wirtschaftsminister Michael Ebling fasst das Potenzial des Netzwerks zusammen: „Rheinland-Pfalz hat starke Kompetenzen – bei etablierten Technologien ebenso wie bei den Technologien der Zukunft. Der SVI-Hub bringt Unternehmen, Forschung und Bundeswehr enger zusammen und macht daraus eine noch stärkere Innovationskraft für unseren Wirtschaftsstandort.“

Wie sich Drohnen künftig in Sicherheitskonzepte integrieren, dürfte damit nicht allein eine Frage besserer Flugtechnik sein. Entscheidend wird das Zusammenspiel mit Sensoren, Kameras, KI, Datenanalyse und Cybersecurity sein und die Frage, wie schnell aus technischen Möglichkeiten belastbare Anwendungen entstehen. Oder, wie es Aleksandar Smiljanic von Mobotix formuliert: „Die Sicherheitslösungen der Zukunft werden nicht nur sehen, sondern verstehen, bewerten und sicher kommunizieren müssen. Die Drohne wird dabei immer mehr Teil eines großen, vernetzten Sicherheitssystems – bei Industrieanlagen, im Brandschutz, bei kritischer Infrastruktur oder in der Verteidigung."

Fotos: Aaronia AG


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