Oktober 30, 2026 6 min lesen.
Bildung
Deutschlands 15-Jährige erzielen bei Pisa die schlechtesten Werte seit Beginn der Erhebung. In einem Land ohne nennenswerte Bodenschätze ist das weit mehr als ein Schulproblem. Muss man auch in die Klassenzimmer schauen, um zu verstehen, warum die Wirtschaft seit Jahren nicht vom Fleck kommt?
Die Zahlen sind unmissverständlich: In der internationalen Schulleistungsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), kurz Pisa-Studie genannt, verfehlt rund ein Drittel der getesteten Jugendlichen in Lesen und Mathematik das hier definierte Grundniveau, in den Naturwissenschaften etwa ein Viertel. Weniger als zehn Prozent zählen in einem der drei Fächer zur Spitzengruppe. Nur knapp 70 Prozent können beim Lesen die Hauptaussage eines mittellangen Textes erfassen. Zum Vergleich: in China sind es 93 Prozent. Studienleiter Samuel Greiff von der TU München spricht von „historisch niedrigen Kompetenzständen“. Dennoch will er das Wort vom nächsten Pisa-Schock nicht in den Mund nehmen. Vielleicht, weil der erste Schock vor 25 Jahren Reformen auslöste, die bis etwa 2012 wirkten. „Seit zehn Jahren beobachten wir einen Knick“, so Greiff. Bildung habe an politischer Aufmerksamkeit verloren, weil man die Aufholjagd für erledigt hielt.
Fair bleibt die Einordnung der Studie im Vergleich zu anderen Ländern: Deutschland liegt ungefähr im OECD-Durchschnitt, auch in vielen anderen Nationen sinken die Leistungen. Doch 14 OECD-Staaten schneiden klar besser ab, darunter Estland, Kanada, die Schweiz und Österreich, und der Abwärtstrend fällt hierzulande besonders deutlich aus. Mittelmaß sei keine Entwarnung, und das eigentliche Problem sei das Gefälle, meint daher Studienleiter Greiff: Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg sei etwa dreimal so stark wie in Kanada. Nur zwei von 100 sozial benachteiligten Schülern erreichen Spitzenleistungen, bei den Privilegierten sind es 25 von 100. Während deren Ergebnisse seit 2015 weitgehend stabil bleiben, rutschen die Benachteiligten weiter ab. Ein Drittel der Befragten hält Schule zudem für Zeitverschwendung, im OECD-Schnitt sind es 24 Prozent. Bundesbildungsministerin Karin Prien räumt ein, dass das Aufstiegsversprechen derzeit nicht funktioniere.
Was Greiff nicht als Hauptursache nennt, ist beachtenswert: Die Trennlinie verlaufe nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen sozial privilegierten und benachteiligten Familien. Zu den Problemzonen zählt er frühkindliche Bildung, Lehrkräftemangel und Digitalisierung. Hinzu kommen Coronafolgen, die bislang kaum aufgearbeitet sind, und ein Bildungsföderalismus, in dem 16 Länder ohne einheitliche Standards vor sich hin regieren. Kritiker werfen der Politik zudem vor, lieber die Ansprüche gesenkt als die Anstrengungen erhöht zu haben.
Die Folgen reichen weit über die Schulzeit hinaus. Im Schuljahr 2024/25 verließen mehr als 64.000 Jugendliche die Schule ohne regulären Abschluss − ein Rekord. Laut Berufsbildungsbericht 2025 haben 2,86 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss, das sind 19,1 Prozent dieser Altersgruppe. Zehn Prozent der 20- bis 24-Jährigen waren zuletzt weder erwerbstätig noch in Ausbildung.
Der Ökonom Daniel Stelter beschreibt die Situation in seinem Buch „Absturz – so retten wir Deutschland“ sehr dramatisch. Er stellt fest, dass sich der Anteil vorzeitiger Ausbildungsabbrüche seit 2005 auf mehr als 20 Prozent (2020) verdoppelt habe, und 32 Prozent der Studierenden ihr Studium abbrächen. Für Betriebe in der Region bedeutet das unbesetzte Lehrstellen und Bewerber, denen Grundlagen fehlen. Stelter schildert es so: „Deutsche Erfinder schufen den Buchdruck, das Automobil, die Röntgentechnik, das MP3-Format und unzählige weitere Technologien, die die Welt veränderten. Diese Innovationskraft steht hinter den heutigen Schlüsselindustrien, auf denen unser Wohlstand beruht.“ Deutschland sei als rohstoffarmes Land besonders auf gut ausgebildete und innovative Menschen angewiesen. Doch die Grundlage dafür sei nicht mehr vorhanden. Deutschland fällt immer weiter zurück, seit Jahren stagniert die Wirtschaftsleistung.
Stelter sieht in der „Bildungskatastrophe“ eine der Ursachen und führt Vergleiche an: In Japan erreichten 32 Prozent der Schüler das höchste mathematische Niveau, in Deutschland fünf Prozent; japanische Forscher meldeten 2023 mehr als dreimal so viele Patente an. Im Global Innovation Index 2025 fiel Deutschland von Rang 9 auf Rang 11 und gehört erstmals seit Jahren nicht mehr zu den zehn innovativsten Volkswirtschaften. Im Index der wirtschaftlichen Freiheit 2026 steht das Land nur auf Platz 24.
Doch auch wenn hier ein Zusammenhang plausibel klingt, ist er nicht so einfach zu beweisen. Denn die Stagnation hat viele Ursachen. Energiekosten, Bürokratie, demografischer Wandel und eine schwächelnde Weltkonjunktur gehören ebenso dazu. Und die 15-Jährigen von heute werden die Wirtschaftsleistung erst in einigen Jahren prägen. Der Bildungsverfall hat sich seit gut einem Jahrzehnt aufgebaut, die Rechnung wird der Arbeitsmarkt aber erst in der Zukunft präsentieren. So lässt sich aus den vorliegenden Studienergebnissen noch kein unmittelbarer Zusammenhang zum wirtschaftlichen Abstieg belegen, aber dennoch ein starker Verdacht.
Der Blick auf Rheinland-Pfalz sorgt in dem Zusammenhang ebenfalls nicht für Beruhigung. Im INSM-Bildungsmonitor 2026 (Initiative neue soziale Marktwirtschaft) landet das Land erneut auf Rang 12 von 16. Bei der Forschungsförderung ist es Schlusslicht, bei IT-Ausbildungsverträgen und IT-Absolventen liegt es unter dem Bundesdurchschnitt. Die Ganztagsbetreuung in der Sekundarstufe I erreicht 19,6 Prozent, bundesweit sind es 48,6 Prozent. Stark ist das Land in der beruflichen Bildung: Die Erfolgsquote an Berufsfach- und Fachoberschulen liegt bei 94,9 Prozent, im Bund bei 80,4. (Zur Information und Einordnung: Den Monitor erstellt das Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag der INSM, die von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert wird. Er blickt bewusst auf bildungsökonomische Faktoren. Organisationen wie Lobby Control sehen die INSM als wirtschaftsnahe Lobbyorganisation).
Doch was nun? Die SPD fordert erst einmal einen Bildungsgipfel, die allgemeine Betroffenheit ist mittlerweile eingeübt. Pisa-Studienleiter Greiff empfiehlt dagegen Konkreteres: bessere Förderung vor der Einschulung und einen stärker datengestützten Unterricht. Beides kostet Geld, Personal und Durchhaltevermögen, also genau das, woran es nach der letzten Reformwelle gefehlt hat.
Lässt sich abschließend aus den aktuellen Zahlen die Gefahr ableiten, dass Deutschland verdummt? Die Daten bestätigen das vorerst nicht. Dennoch ist festzustellen, dass das System zu viele Menschen zurücklässt, vor allem jene, die ohnehin die schlechteren Startbedingungen haben. Für eine Volkswirtschaft, die vom Wissen ihrer Bevölkerung lebt, hat das teure Folgen.
Deutschland im internationalen Vergleich
Gegenüber PISA 2022 sind die Leistungen der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in Deutschland in Mathematik um 11 Punkte von 475 auf 464 Punkte gesunken, im Lesen um 15 Punkte von 480 auf 465 Punkte. Rund ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland erreicht in Lesen und Mathematik die Kompetenzstufe 2 nicht und verfehlt damit das Mindestniveau. Nur etwa 7 bis 9 Prozent erreichen die Stufen 5 oder 6 und gehören damit zur Leistungsspitze. Die OECD betrachtet die Kompetenzstufe 2 als Mindestniveau für eine erfolgreiche Teilhabe an Ausbildung, Beruf und Gesellschaft.
In den Naturwissenschaften liegt der Mittelwert der Leistungen mit 486 Punkten sechs Punkte unter dem Wert von 2022, dieser Unterschied ist nach Angaben der OECD jedoch statistisch nicht bedeutsam. Erst ab etwa 10 Punkten gilt die Veränderung als substantiell relevant.
Die absoluten Leistungen liegen in allen drei geprüften Kompetenzbereichen nahe am OECD-Durchschnitt. Nach den reinen Punktwerten liegt Deutschland in den Naturwissenschaften auf Rang 23, im Lesen auf Rang 24 und in Mathematik gemeinsam mit Schweden auf Rang 25. An der Spitze stehen vor allem asiatische Bildungssysteme: Die vier chinesischen Regionen Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang sowie Singapur erzielten in allen drei Kompetenzbereichen die höchsten Ergebnisse. Auch Macau (China), Taiwan, Japan, Estland, Korea und das Vereinigte Königreich gehören zu den leistungsstärksten Bildungssystemen.
Bei den Naturwissenschaften erreichen etwa 73 Prozent der Jugendlichen in Deutschland mindestens Kompetenzstufe 2. Sie können beispielsweise die richtige Erklärung für bekannte naturwissenschaftliche Phänomene erkennen und anhand vorgegebener Daten beurteilen, ob eine Schlussfolgerung zulässig ist. 27 Prozent verfehlen dieses Mindestniveau. Im OECD-Durchschnitt sind es 26 Prozent.
Nur 66 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland erreichen in Mathematik mindestens die Kompetenzstufe 2. Sie können beispielsweise ohne direkte Anweisung erkennen, wie sich eine einfache Situation mathematisch darstellen lässt. 34 Prozent bleiben unter diesem Mindestniveau; im OECD-Durchschnitt sind es 35 Prozent. 2022 hatte der Anteil der leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler in Deutschland noch bei 30 Prozent gelegen. 8 Prozent gehören zur Leistungsspitze und erreichen Kompetenzstufe 5 oder 6. Das entspricht dem OECD-Durchschnitt. 2022 waren es in Deutschland noch 9 Prozent.
Auch beim Lesen gehen die Leistungen deutlich zurück. Nur noch 68 Prozent der 15-Jährigen erreichen hier mindestens die Kompetenzstufe 2. Diese Jugendlichen können unter anderem die Hauptaussage eines mittellangen Textes erfassen und Informationen nach vorgegebenen Kriterien finden. 32 Prozent verfehlen das Mindestniveau, im OECD-Durchschnitt sind es 31 Prozent. Bei PISA 2022 lag dieser Anteil in Deutschland noch bei 25 Prozent. 7 Prozent der Jugendlichen erreichen mindestens Kompetenzstufe 5 und gehören damit zur Leistungsspitze. Im OECD-Durchschnitt sind es 6 Prozent.
Chefredakteurin
Gudrun Katharina Heurich ist seit 2020 als freie Autorin für die WIRTSCHAFT tätig und übernahm 2023 die Chefredaktion. Die gelernte Redakteurin verantwortet die publizistischen und organisatorischen Redaktionsabläufe und verfasst diverse Artikel zu Wirtschaftsthemen.
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