Oktober 30, 2026 6 min lesen.
Arbeitswelt
Künstliche Intelligenz übernimmt in rasantem Tempo immer mehr Aufgaben. Doch je leistungsfähiger die Systeme werden, desto mehr stellt sich die Frage, wo ihre Fähigkeiten enden und wo menschliche Urteilskraft und Erfahrung unverzichtbar bleiben. Experten und Unternehmen aus Rheinland-Pfalz sind sich im Gespräch mit der WIRTSCHAFT einig: KI wird das Berufsleben erheblich verändern, den Menschen aber nicht aus der Verantwortung entlassen.
Texte schreiben, Daten analysieren, programmieren oder Informationen strukturieren – die Liste dessen, was KI inzwischen leisten kann, wächst schnell. Für die KI-Allianz Rheinland-Pfalz, dem Zusammenschluss von KI-Kompetenzen der Universitäten und Hochschulen angewandter Wissenschaften in Rheinland-Pfalz, geht es nicht darum, Mensch und Maschine gegeneinander auszuspielen, sondern darum, ihre jeweiligen Stärken sinnvoll miteinander zu verbinden. „Besonders wertvoll sind Urteilskraft, fachliches und betriebliches Erfahrungswissen, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit sowie die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen“, erklärt Steffen Reithermann, Geschäftsführer des KI-Projektbüros der KI-Allianz an der RPTU (Rheinland-Pfälzisch Technische Universität Kaiserslautern-Landau). „Dazu gehört auch, relevante Probleme zu erkennen, unterschiedliche Interessen abzuwägen und zu hinterfragen, ob wir überhaupt am richtigen Ziel arbeiten.“
Technisch Machbares sei nicht automatisch betrieblich oder gesellschaftlich sinnvoll. Ein Unternehmen könne mit KI beispielsweise Abläufe auf maximale Auslastung optimieren. Ob dadurch jedoch die Belastung der Beschäftigten unvertretbar steige, die Qualität leide oder notwendige Spielräume verloren gingen, müsse weiterhin menschlich bewertet werden. „Gute Arbeit besteht nicht nur darin, eine vorgegebene Kennzahl zu verbessern.“ Gleichzeitig warnt die KI-Allianz vor falschen Versprechen: Einzelne Tätigkeiten könnten durchaus entfallen, Berufsbilder, Qualifikationsanforderungen und Personalbedarfe sich verändern. Dennoch sei nach Analysen der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (UNO) bei generativer KI die Veränderung von Berufen wahrscheinlicher als deren vollständige Automatisierung.
Die wichtigste Frage laute daher nicht, was Menschen besser können als Maschinen. „Der Wert eines Menschen bemisst sich nicht daran, ob er einer Maschine in jeder Einzeldisziplin überlegen ist“, so Reithermann. „KI sollte vielmehr als leistungsfähiges, aber auch anspruchsvolles Werkzeug betrachtet werden.“ Das gelte auch für vermeintlich ausschließlich menschliche Fähigkeiten wie Kreativität und Empathie. KI könne kreative Arbeit bereichern, zugleich aber eine Vereinheitlichung begünstigen. Und ein System könne durchaus empathisch klingende Antworten formulieren. „Aber ein einfühlsam formulierter Satz beweist noch kein eigenes Mitgefühl.“ Für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit brauche es mehr: zuhören, Zusagen einhalten, Konflikte aushalten und für andere einstehen. Deshalb sei nicht nur die Frage relevant: „was können Menschen besser?“, sondern auch „worüber sollen Menschen selbst bestimmen?“
Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die Kontrolle. Ein menschlicher Blick auf ein KI-Ergebnis allein genügt nach Einschätzung der KI-Allianz nicht. Wer kontrollieren soll, benötige Fachwissen, geeignete Informationen, ausreichend Zeit und die Befugnis, eine Empfehlung tatsächlich abzulehnen. „Ein Mensch, der unter Zeitdruck nur noch auf ‚Bestätigen‘ klickt, ist keine wirksame Kontrollinstanz“, so Reithermann. Unternehmen müssten daher klare organisatorische Verantwortlichkeiten schaffen. „‘Das hat die KI entschieden‘ darf keine Ausrede werden.“
Wie die Rollenverteilung in der Praxis der Betriebe aussehen kann, zeigt die Group Schumacher aus Eichelhardt im Landkreis Altenkirchen. Der Hersteller sowie OEM-Systempartner von Schnittsystemen und Bindetechnik für Erntemaschinen setzt KI bereits in mehreren Bereichen ein und hat eine interne DSGVO-konforme Plattform eingerichtet, über die die Mitarbeitenden die passenden KI-Modelle wählen können: für Dokumentenmanagement und Rechnungseingang, für Absatzprognosen und Materialbeschaffung, für die Softwareentwicklung sowie den digitalen Posteingang. Auch hier gilt Verantwortung als entscheidender Faktor: „Wir verstehen KI als Werkzeug, das unsere Mitarbeitenden befähigt und uns als Unternehmen effizienter macht. Doch die Verantwortung für Entscheidungen bleibt beim Menschen“, sagt CEO Selina Schumacher.
Dafür hat das mittelständische Unternehmen eine vergleichsweise einfache Leitlinie entwickelt: „Ist eine Aufgabe wiederholbar, regelbasiert und ohne direkte Außenwirkung, kann sie von KI übernommen werden. Trägt das Ergebnis einen Namen, eine Zahl oder eine Zusage nach außen, oder hat es rechtliche, personelle oder strategische Konsequenzen, dann entscheidet der Mensch.“ Die KI bereite solche Entscheidungen lediglich vor.
Auch die Qualifizierung der Beschäftigten orientiert sich stark an der betrieblichen Praxis. Kurze Trainings werden mit umfangreicheren Schulungen und Workshops kombiniert, in denen die einzelnen Abteilungen konkrete Anwendungsfälle entwickeln. So lernen die Mitarbeitenden den Umgang mit KI nicht theoretisch, sondern an ihren eigenen Aufgaben.
„Der Einsatz von KI hat bei uns in erster Linie Aufgabenbereiche verändert, nicht ersetzt“, sagt Selina Schumacher. „Zeitaufwendige Routinetätigkeiten werden reduziert, Beschäftigte gewinnen Freiraum für Beratung, Abstimmung und Qualitätssicherung.“ Entscheidend sei dabei, die Mitarbeitenden einzubeziehen und transparent zu kommunizieren, wo KI eingesetzt werde und wo nicht.
Ähnlich verfährt die Energieversorgung Mittelrhein (evm) in Koblenz. Dort ist KI für viele Beschäftigte Arbeitsalltag, sie unterstützt bei Wissensarbeit und der Erstellung von Inhalten oder dient als Sparringspartner für Ideen und Konzepte. Chat- und Voicebots ergänzen den Kundenservice, in Fachbereichen kommen KI-Agenten sowie KI-basierte Bildauswertungen von Photovoltaik- und Windenergieanlagen zum Einsatz. Auch hier ist klar definiert: „Die KI arbeitet als Assistent. Sie unterstützt uns, trifft aber keine eigenständigen Unternehmensentscheidungen“, sagt Markus Cramer, Senior Projektmanager für Künstliche Intelligenz bei der evm. „Was KI nicht besitzt, sind Empathie und moralisches Urteilsvermögen.“ Seine Schlussfolgerung lautet daher: „KI kann den Menschen nicht ersetzen. Sie verändert aber die Art, wie wir arbeiten.“ Standardisierte, wiederkehrende und datenintensive Aufgaben könnten der KI überlassen werden, bei rechtlichen, finanziellen oder persönlichen Konsequenzen könne sie nicht bestimmen. „Unsere Grundregel lautet: Die KI liefert Vorschläge, der Mensch trifft die Entscheidung – und trägt die Verantwortung.“
Damit stiegen zugleich die Anforderungen an die Beschäftigten. Neben Fachwissen würden digitales Denken, Prozessverständnis und ein sicherer Umgang mit KI wichtiger. „Mitarbeitende müssen lernen, die richtigen Fragen zu stellen, Ergebnisse kritisch zu bewerten und KI sinnvoll in ihre Arbeit einzubinden“, sagt Cramer. Und hier ist wieder die menschliche Erfahrung gefragt: „Wenn KI eine fachlich plausible Antwort liefert – wie prüfe ich das, wenn ich die fachliche Kompetenz womöglich gar nicht mehr habe und nicht durch klassisches Lernen vertieft habe?“ Das Ziel könne deshalb nicht sein, aus allen Beschäftigten IT-Experten zu machen. Sie müssten vielmehr in der Lage sein, Wissen einzuordnen und kritisch zu hinterfragen.
Dass positive Erfahrungen keine Garantie für jedes Unternehmen sind, betont Benjamin Bär, Geschäftsführer der KI Experten Schmehrer und Bär GbR in Andernach. Deshalb sollte die Geschäftsführung früh und ehrlich erklären, wofür KI eingesetzt wird und welche Auswirkungen sie auf Aufgaben hat. „Mitarbeitende sollten den Prozess mitgestalten, Fragen stellen und Fehler melden können. Vertrauen entsteht vor allem dann, wenn sie im Arbeitsalltag sehen, dass die Technik sie tatsächlich entlastet.“ Dabei liege die Verantwortung klar beim Menschen.. Er kenne die Erfahrungen, Beziehungen und Besonderheiten eines Unternehmens. KI könne Vorschläge machen, Menschen müssten diese einordnen und Entscheidungen treffen. Persönlicher Kontakt, Vertrauen und Einfühlungsvermögen seien ebenfalls zentral. Für ihn eignet sich KI ebenfalls für regelmäßig anfallende Aufgaben mit klaren Abläufen. „Je größer die Folgen eines Fehlers sind, desto enger muss ein Mensch eingebunden sein.“ Bei Kundenprojekten analysiert Bär deshalb zunächst den bestehenden Ablauf und legt fest, was die KI bearbeiten darf, wann sie an Beschäftigte übergibt und welche Ergebnisse kontrolliert werden müssen. „Ein erfolgreiches KI-Projekt sollte nicht allein daran gemessen werden, ob ein Prozess schneller läuft. Es soll Arbeit auch erleichtern, die Qualität verbessern und dem Unternehmen Raum geben, neue Leistungen zu entwickeln.“
Auch Bär beobachtet bislang eher eine Veränderung von Tätigkeiten als den Abbau von Stellen. Eine zentrale Rolle spielt für ihn die Qualifikation. Unternehmen sollten ein grundlegendes Verständnis von KI, klare Arbeitsanweisungen an die Systeme und die Fähigkeit fördern, Ergebnisse kritisch zu prüfen. „Mitarbeitende müssen nicht programmieren können. Sie sollten aber verstehen, wofür ein Werkzeug geeignet ist und wo sie selbst nachfragen oder entscheiden müssen.“ Sein Fazit lautet: „Fachwissen bleibt die Grundlage, muss künftig aber mit der Fähigkeit verbunden werden, dieses Wissen gemeinsam mit KI anzuwenden und deren Ergebnisse beurteilen zu können.“
Damit Künstliche Intelligenz in Rheinland-Pfalz zu mehr Innovation und Wettbewerbsfähigkeit beiträgt, sehen die Befragten Handlungsbedarf.
Die KI-Allianz Rheinland-Pfalz bündelt und vernetzt KI-Kompetenzen an Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) im Land. Dazu gehören die vier Universitäten (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau, Universität Koblenz und Universität Trier) und die sieben Hochschulen angewandter Wissenschaften (die Hochschulen Kaiserslautern, Koblenz, Mainz, Trier, Worms, Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen und die Technische Hochschule Bingen). Die KI Allianz wird gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Gesundheit Rheinland-Pfalz.
Das KI-Projektbüro hat seinen Sitz an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) in Kaiserslautern. Geschäftsführer ist Steffen Reithermann.
Schwerpunkte:
Weitere Informationen: https://www.ki-allianz-rlp.de
Chefredakteurin
Gudrun Katharina Heurich ist seit 2020 als freie Autorin für die WIRTSCHAFT tätig und übernahm 2023 die Chefredaktion. Die gelernte Redakteurin verantwortet die publizistischen und organisatorischen Redaktionsabläufe und verfasst diverse Artikel zu Wirtschaftsthemen.
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