Exporthoffnungen

Oktober 30, 2026 6 min lesen.

Exporthoffnungen

Handel
Die Stimmung in der deutschen Exportwirtschaft hellt sich auf. Insbesondere die Ausfuhren in die EU und nach Großbritannien ziehen an, während diejenigen nach China und in die USA zurückgehen. Anfang November stehen die wichtigen Midterm-Wahlen in den USA an, die mit weiteren Ungewissheiten für die Handelspolitik der Vereinigten Staaten behaftet sind. 

Für ihn ist ein Silberstreif am Horizont erkennbar, wenn er von einer möglichen Erholung der deutschen Exportwirtschaft spricht. Dr. Carsten L. Herzhoff, einer der beiden Geschäftsführer und sowohl CTO als auch COO der Lohmann GmbH & Co. KG in Neuwied, neigt nicht zum vorschnellen Optimismus. Er orientiert sich lieber an den Fakten. „Wir sehen in der Tat leichte Verbesserungen im Export. Es ist sicher noch zu früh, von einer dauerhaft tragfähigen Erholung zu sprechen oder gar von einer Kehrtwende, aber es gibt Lichtblicke“, sagt Herzhoff. „Wir werden die Entwicklung bis zum Jahresende genau beobachten. Dann werden wir wissen, ob sich die Besserung stabilisiert.“ 

Lohmann feiert in diesem Jahr seinen 175. Geburtstag. Das Unternehmen und entwickelt und produziert technische Klebebänder sowie intelligente Klebelösungen für die Industrie. Die Produkte kommen in der Automobilherstellung zum Einsatz, zum Beispiel bei funktionalen Verbindungen von Anbauteilen im Innen- und Außenbereich sowie zur Verklebung von Autobatterien und Glasscheiben. Man findet die Klebelösungen auch im Bereich Industrieelektronik und Haushaltsgeräte, zunehmend auch für Displays, in der Grafik und in der Medizintechnik sowie im Bereich Flexodruck für Verpackungen. „In Zeiten der Exportschwäche hat es uns sehr geholfen, dass unser Unternehmen so breit und divers aufgestellt ist  das macht uns robust“, sagt Herzhoff. „Jedes Segment hat seinen eigenen Rhythmus, jeder Markt seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Klebelösungen sind generell auf dem Vormarsch. Das hat uns in den vergangenen ein bis zwei Jahren in Summe sehr geholfen.“ Für den COO kommen die wichtigsten Wachstumsimpulse aktuell immer noch aus den USA. Die USA seien nach wie vor ein gigantischer Markt mit einer guten Binnenkonjunktur, vielen Investitionsprogrammen und einer unternehmensfreundlichen Steuerpolitik. „Dort spielt trotz aller politischen Unberechenbarkeiten immer noch die Musik“, sagt er. 

Lohmann ist in den USA mit zwei Produktionsstandorten vertreten. Das Prinzip „Local-for-Local“ hat sich nach Ansicht von Herzhoff bewährt - nicht nur in den USA, sondern auch an den anderen Lohmann-Standorten weltweit. Man werde dadurch ein Stück weit unabhängiger von Störungen in den internationalen Lieferketten und habe eine örtliche Verfügbarkeit von Materialien. Außerdem zahle sich die Nähe zu den Kunden aus, die man mit Experten vor Ort kompetent beraten könne. 

Lohmann hat allerdings auch schon den langen Arm der Zollpolitik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump schmerzhaft zu spüren bekommen. In Mexiko produziert der Experte für smarte Klebelösungen Windelverschlusssysteme - vornehmlich für Kunden im US-amerikanischen Markt - und wurde wie andere aus Mexiko exportierende Unternehmen ebenfalls mit Zöllen belegt. „Unser Kunde in den USA wollte diesen Preissprung nicht mittragen und wir drohten, vollständig aus dem Geschäft zu fallen. Am Ende hat aber unsere Qualität überzeugt und wir konnten uns einigen. Eine Herausforderung für unser Business dort war es trotzdem“, sagt der Geschäftsführer.

Foto: sebi_2569/stock.adobe.com

Dr. Samina Sultan, Senior Economist für europäische Wirtschaftspolitik und Außenhandel am Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, hat sich die deutsche Exportentwicklung im ersten Halbjahr 2026 sehr genau angesehen und kommt ähnlich wie Herzhoff zu dem Schluss, dass es trotz der geopolitischen Verwerfungen leichte Verbesserungen bei den deutschen Ausfuhren gibt. „Es bleibt derzeit noch ein Blick in die Glaskugel. Wie stark die positiven Effekte tragen werden, ist noch unklar. Eine leichte Tendenz nach oben gibt es zwar, aber es bleibt ein schmaler Grat. Man darf das nicht überinterpretieren, sollte es aber auch nicht schlechtreden“, sagt Sultan. Für die Expertin des Instituts der Deutschen Wirtschaft spielen in die aktuellen Zahlen auch Vorzieheffekte von Exporten wegen des sich anbahnenden Irankriegs hinein sowie eine Art Sonderkonjunktur durch die deutlich gestiegenen deutschen Rüstungsausgaben. „Wir stellen zwar mehr konjunkturelle Dynamik fest, die strukturellen Probleme, mit denen Deutschland zu kämpfen hat, sind damit noch nicht aus der Welt.“ 

Außerdem bleiben Unwägbarkeiten wie die Inflationsrate und die Höhe der Energiepreise. Ein harter Winter kann dazu führen, dass die Preise für Gas oder Strom kräftig anziehen. Die Bundesnetzagentur veröffentlicht in regelmäßigen Lageberichten eine Einschätzung zur Gasversorgung. Ende September kam sie zu der Beurteilung, dass die Gasversorgung in Deutschland grundsätzlich stabil und die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. Die Füllstände der Gasspeicher in Deutschland liegen allerdings derzeit bei 57,7 Prozent. Sie sind deutlich niedriger als in den Vergleichszeiträumen vergangener Jahre. Die Agentur hat diese Entwicklung unter Beobachtung und betont, sie nehme sie sehr ernst. 

Auch Sultan hält den US-amerikanischen Absatzmarkt weiterhin für attraktiv. Er ist nach wie vor der wichtigste Einzelmarkt für deutsche Waren. „Aber aufgrund der von Präsident Trump verhängten hohen Zölle erfolgt eine Abschottung der USA mit sehr schädlichen Auswirkungen auf die US-Wirtschaft selbst. Diese Zollschranken sollen vor Wettbewerb schützen, aber Wettbewerb belebt auch das Geschäft.“ Sultan verweist auf Auswertungen, nach denen die Investitionsflüsse von Deutschland in die USA kontinuierlich zurückgehen. „Die Investitionsneigung deutscher Unternehmen in den USA ist rückläufig. Wir verzeichnen ein abwartendes Stillhalten, ein Verschieben von Investitionen in die Zukunft, weil unklar bleibt, wohin der Weg der USA führt. Es gibt Alarmzeichen auf allen Ebenen.“

Der Leiter des Regionalbüros der Friedrich Naumann Stiftung USA und Kanada in Washington, Martin Biesel, ist ein versierter Beobachter der US-amerikanischen Politik. Er glaubt nicht, dass die Anfang November anstehenden Midterm-Wahlen einen großen politischen Umbruch herbeiführen werden. Die Wahlen in der Mitte der präsidialen Amtszeit gelten als wichtiger Stimmungstest für den amtierenden Präsidenten. Im Fokus steht die Kongresswahl. Im Kongress haben die Republikaner derzeit in beiden Häusern, dem Repräsentantenhaus und dem Senat, die Mehrheit. Verlieren die Republikaner die Mehrheit in einer der beiden Parlamentskammern an die Demokraten, spricht man von einem „Divided Government“, und es wird für die Republikaner deutlich schwieriger, Gesetzesvorhaben durchzubringen. „Dass die Demokraten im Repräsentantenhaus die Mehrheit gewinnen, ist wahrscheinlicher als die Eroberung des Senats“, sagt Biesel. „Aber selbst ein solcher Sieg würde letztlich nur zu einer Blockademehrheit und keiner Gestaltungsmehrheit führen, denn die Demokraten sind zutiefst gespalten. Sie sind in zwei Lager zerfallen – die „Socialist Democrats“ und die „Moderate Democrats.“ 

Das ist sicherlich einer der Hauptgründe, warum die Partei angesichts eines Präsidenten mit sensationell schlechten Umfragewerten trotzdem blass und harmlos wirkt. Selbst wenn es zu einem Wiedererstarken der Demokraten käme und sie 2028 erneut den Präsidenten stellen würden, erwartet Biesel keine grundlegende Richtungsänderung in der Außenwirtschaftspolitik der USA. „Auch die demokratische Partei ist stark protektionistisch geprägt. Außerdem sind die USA dermaßen hoch verschuldet, dass man sich den Verzicht auf Zolleinnahmen gar nicht leisten kann“, so Biesel. „Die Schuldenkrise hat dazu geführt, dass die USA inzwischen mehr Geld für Zinszahlungen ausgeben als für Verteidigung.“ 

Es bleibt erstaunlich, dass die Demokraten nicht stärker mit dem Thema punkten können, das alle anderen Themen deutlich überlagert – die exorbitante Verteuerung der Lebenshaltungskosten in den USA. Die Lebensmittelpreise sind stark gestiegen und liegen rund 33 Prozent über dem Niveau von 2019. Die jährliche Inflation bei Lebensmitteln betrug Mitte 2026 etwa 2,7 bis 4,2 Prozent. Kein Wunder, dass die Menschen in den USA bei importierter Ware, zum Beispiel aus Deutschland, Kaufzurückhaltung zeigen. 

Die Außenwirtschaftsexpertin Sultan erinnert an das Walmart Recession Signal (WRS). Es ist ein Konjunkturindikator, der die Kursentwicklung der Walmart Aktie mit einem Korb globaler Luxusgüteraktien vergleicht. Steigt Walmart im Verhältnis zu Luxusaktien stark an, deutet das auf wirtschaftlichen Druck hin. Der Indikator, der die letzten vier US-Rezessionen zuverlässig vorausberechnet hat, erreicht aktuell den höchsten Stand seit der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009. Treiber sind die Inflation, die gestiegenen Lebenshaltungs- und Energiepreise, besonders für Benzin, sowie die geopolitischen Krisen. Das belastet besonders die unteren und mittleren Einkommensgruppen stark. 

Auch wenn die USA für Lohmann als Exportmarkt weiterhin eine zentrale Rolle spielen und die dortige Produktion noch ausgebaut werden soll, hat der Hersteller von Klebelösungen auch andere Absatzmärkte fest im Blick. Der Export nach China gestaltet sich zunehmend schwierig, sagt Herzhoff. „Viele der Firmen dort sind Innovationsführer und veritable Wettbewerber geworden. Innovation steht für Erfolg im Markt. Deutschland ist stark in der Entwicklung von Basistechnologie und tut sich dann mit einer schnellen, konsequenten Industrialisierung schwer. Da können wir von den Chinesen lernen.“  Aber Asien und der pazifische Raum umfasst mehr mögliche Abnehmer deutscher Exportwaren als nur China. Mit dem Handelsabkommen zwischen der EU und Indien entsteht beispielsweise eine Freihandelszone für mehr als zwei Milliarden Menschen, die etwa ein Viertel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Dazu kommt der Handel mit anderen Staaten der APAC-Region, der ebenfalls noch ein gewaltiges Marktpotenzial bietet - auch angesichts einer dort stetig steigenden Kaufkraft. In Indonesien leben rund 288 Millionen Menschen, auf den Philippinen 117 Millionen und selbst Vietnam zählt mit 102 Millionen Einwohnern 19 Millionen mehr als Deutschland. 

„Die Welt entwickelt sich multipolar. Wir können uns auch eine Verstärkung unseres Exports nach Afrika oder in den Nahen und Mittleren Osten vorstellen. Das werden wir mit ruhiger Hand tun. Nicht mit einem Sprung, sondern mit einer wohldosierten Dynamik“, erklärt der Geschäftsführer von Lohmann.  


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